Orpha Selbsthilfe Forum

Autor Thema: Thematik-Schwangerschaft; Frauenkrankheiten, allgemein, Urteile und mehr  (Gelesen 12012 mal)

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HELLP-Syndrom

Trauma Kaiserschnitt (1) 

Das HELLP-SYNDROM  ist eine kompliziertere Variante der Schwangerschaftspräeklampsie
.


Neben Bluthochdruck und Eiweiß im Harn geht eine Leberfunktionsstörung mit massiven, meist ausstrahlenden Schmerzen vor allem im rechten Oberbauch einher. Begleitend können auch unspezifische Symptome wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall sein.
Auch Kopfschmerzen, Sehstörungen können ein Hinweis darauf sein. Eventuell schnelle Entwicklung eines Schocksyndroms, akutes Nierenversagen, Lungenödem, Hirnblutung oder Ruptur eines Leberhämatoms.

Es soll der perfekte Tag sein.
Jede Frau hat ihre ganz eigene Vorstellung, wie der Ablauf am besten sein sollte.


Der Tag, an dem aus zwei Ichs ein Wir wird und die Liebe gekrönt wird mit einem Kind.
Doch oft kommt es anders als gedacht.

Wenn Komplikationen eintreten, die sowohl die werdende Mutter als auch das Kind in Gefahr bringen.
Oder wenn schlicht und einfach gerade die Hebamme oder der Arzt Dienst hat, die aus irgendwelchen Gründen einfach unsympathisch erscheinen. Und dann gibt es noch die Momente, in denen Frauen unter der Geburt Gewalt angetan wird - sei es physisch oder psychisch.

Wenn Gebärenden ein schlechtes Gewissen gemacht wird, sie würden ihrem Kind schaden, wenn sie dem Kaiserschnitt nicht zustimmen. Wenn sie in die Entscheidung zum Kaiserschnitt nicht eingebunden werden.
Es kommt vor, dass Untersuchungen und Behandlungen ohne Vorwarnung, geschweige denn Erlaubnis der Frau vorgenommen werden. Oder wenn die werdende Mutter während des Kaiserschnittes im Unklaren über die Vorgänge gelassen wird, auf dem Tisch festgeschnallt und ihre Ängste  völlig ignoriert werden.

Dann wird eine Geburt traumatisch erlebt und kann tiefe Narben hinterlassen - nicht nur auf dem Bauch.
Dann brauchen die Frauen im Anschluss Hilfe.
Selbsthilfegruppe u.a. in Gifhorn  bieten eine "Kaiserschnitt-Gesprächsrunde" an, in welcher sich Frauen austauschen können,
über ihre Kaiserschnitterfahrungen und Trost bei gleichgesinnten finden.

Fundquelle: Auszug – „Wochen-Anzeiger“ Stadt Wittingen + Isenhagener Land  -  Juli 2018
« Letzte Änderung: 08. Januar 2019, 15:05:03 von RalleGA »
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HELLP-Syndrom

Trauma Kaiserschnitt (2)


"Oft empfinden Frauen, die einen Kaiserschnitt hatten, Enttäuschung, weil die Geburt nicht so gelaufen ist, wie sie es sich erhofft hatten.
Oft kommen auch ein Versagensgefühl und Scham hinzu, weil sie als Mutter versagt haben und ihr Kind nicht schützen konnten;
weiß Vera Beier zu berichten.

Beier bietet bei der AWO in Gifhorn unter anderem eine "Kaiserschnitt-Gesprächsrunde" an und erklärt, dass es einen Unterschied gibt zwischen geplantem und ungeplantem Kaiserschnitt:
"Bei einem geplanten Kaiserschnitt herrscht meistens viel mehr Ruhe, die Frau und auch der Partner wissen, was auf sie zukommt,
vieles ist durchgesprochen. Bei einem ungeplanten Kaiserschnitt fehlt das.
Da geht es hoppla hopp in den OP, wo zehn bis zwölf vermummte Gestalten um einen herum stehen:
Wenn es dann noch dazu kommt, dass das OP-Team die Ängste der Gebärenden nicht wahrnimmt,
kann sich schnell ein Gefühl des Alleinseins und der Hilflosigkeit einstellen.

So wie bei einer der Gesprächsrunden-Teilnehmerinnen. Für die 32-Jährige war es bereits der zweite Kaiserschnitt. Während sie sich bei der Geburt ihres ersten Kindes vor gut fünf Jahren gut versorgt und behütet gefühlt hatte, lief beim zweiten Kaiserschnitt alles schief.
"Ohne mich vorher zu fragen, wurden Untersuchungen durchgeführt, wurden mir irgendwelche Medikamente gespritzt, die extreme Begleiterscheinungen haben. Ich lag auf diesem Tisch, ohne meinen Mann, der einfach nicht dazu geholt wurde. Ich hatte Todesangst.
Und dann wurde mir, entgegen der Verabredung, eine Vollnarkose verabreicht. Ich habe gedacht, ich muss sterben: erzählt die junge Frau unter Tränen. Dabei, so sieht es die 32-Jährige, hätten sich die Ärzte, die Hebamme, das OP-Team nur ein bisschen Zeit nehmen müssen,
Kommunikation ist der Schlüssel: findet auch Vera Beier,
Wenn die einzelnen Schritte erklärt werden und respektvoll mit den werdenden Eltern umgegangen wird,
dann könnten viele Traumata vermieden werden. 
So wie bei einer zweiten jungen Mutter, die Unterstützung in der Gesprächsrunde sucht.
Acht Tage lang wurden immer wieder die Wehen eingeleitet.
Nichts passierte.

"Dann kam die Diagnose HELPP-Syndrom. Sie wurde wieder verworfen. Dann doch wieder diagnostiziert.

Und plötzlich stand der Kaiserschnitt im 'Raum; so die 34-Jährige. Sie wirft den Ärzten emotionale Erpressung vor.

Es herrschte einfach nur Angst.

Ich habe mich so allein gelassen gefühlt: Und zwischen der ärztlichen Anweisung des Kaiserschnitts und der Durchführungen lagen gut zehn Stunden. "Wenn es doch so nötig war, das Kind schnell auf die Welt zu holen, wie kann man sich dann diese Zeitspanne erklären?"; fragt sich die Gesprächs-Teilnehmerin heute noch.
Und kämpft mit Schuldgefühlen, weil sie eingeknickt ist. Sich von den Ärzten auf einen Kaiserschnitt  hat drängen lassen.
"Viele Krankenhäuser gehen mit einem Kaiserschnitt auf Nummer sicher. Von allen Geburten in Deutschland sind rund 30% ein Kaiserschnitt, und laut WHO (Weltgesundheitsorganisation) sind nur knapp 10% davon medizinisch notwendig.   

Der Kaiserschnitt kann sich auch auf die Beziehung zum Baby auswirken.

Viele Mütter können sich im Anschluss gar nicht von ihrem Kind trennen, andere wiederum empfinden das Kind nicht als ihr eigenes.
Oder sie entwickeln eine große Eifersucht auf den Vater, weil dieser das Kind: zuerst halten durfte, sich mehr da rum kümmern kann,
da die Mütter durch die massive, Bauch-OP extrem eingeschränkt sind.
"Mütter, die einen Kaiserschnitt hatten und diesen nicht verarbeiten können, sind oft wütend,
traurig und kämpfen mit Flashbacks, die sie das Erlebte einfach nicht vergessen lassen.

Die Gesprächsrunde der AWO soll dabei helfen, über die traumatischen Erfahrungen reden zu können.
"Bei uns steht die Mutter im Fokus. Hier treffen sie auf Gleichgesinnte und können feststellen, dass sie nicht alleine sind: Einmal im Monat kommen die Mütter und Vera Beier zusammen.
Während der Gesprächskreis eine reine Frauenrunde ist, bietet die AWO-Beraterin auch Einzelsprechstunden an.

Zunehmend auch für Männer

Denn auch an ihnen geht so ein Kaiserschnitt, den die Partnerin durchleiden musste, nicht spurlos vorbei.
Der Gesprächskreis trifft sich im "Haus der ersten Schritte“  Bergstraße 15 in Gifhorn (pro Treffen fallen 5 € für die Raummiete an). Anmeldungen nimmt Vera Beier unter Tel. 05371 – 724 741 entgegen.

"Auch wer einfach nur bei uns sitzen möchte, nur zu hören will, ist bei uns herzlich willkommen. "

Fundquelle: Auszug – „Wochen-Anzeiger“ Stadt Wittingen + Isenhagener Land Juli 2018

« Letzte Änderung: 09. Januar 2019, 13:37:35 von RalleGA »
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Re: Thematik-Schwangerschaft; Frauenkrankheiten, allgemein, Urteile und mehr
« Antwort #18 am: 21. Februar 2019, 09:14:50 »
Schwangerschaftsplaner

Ein Baby ist unterwegs.
Schon vor seiner Geburt (und auch danach) gibt es eine Menge zu beachten und zu organisieren.

Dabei hilft der neue BARMER-Schwangerschaftsplaner.
Die ausführliche Checkliste für werdende Eltern gibt zahlreiche Tipps für die Zeit vor und nach der Geburt, etwa zur gesundheitlichen wie finanziellen Unterstützung, welche Ansprüche geltend gemacht werden können und zu weiteren rechtlichen Fragen.
Alle To-des sind passenden Zeiträumen zugeordnet.
Auch informiert die Checkliste über gegebenenfalls erforderliche Unterlagen und gibt Hinweise zum geschätzten Aufwand.

BARMER-Schwangerschaftsplaner

Fundquelle: Auszug – „Magazin für Versicherte“ – 2/2018 der BARMER
« Letzte Änderung: 21. Februar 2019, 09:16:24 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.

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Re: Thematik-Schwangerschaft; Frauenkrankheiten, allgemein, Urteile und mehr
« Antwort #19 am: 22. Februar 2019, 09:58:12 »
Eisenmangel 

Menschen mit bestimmten chronischen Erkrankungen haben ein erhöhtes Risiko,
einen Eisenmangel oder eine Eisenmangelanämie zu entwickeln.

Dazu zählen insbesondere:

• Erkrankungen der Niere (z.B. chronische Niereninsuffizienz)
• chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (z. B. Morbus Crohn, Colitis ulcerosa)
• chronische Herzerkrankungen (z.B. Herzinsuffizienz)
• und Krebserkrankungen

Bei diesen Erkrankungen kann es deshalb sinnvoll sein, die Eisenversorgung im Blut untersuchen zu lassen.
Bei einigen Tumorarten kann es auch zu inneren Blutungen im Magen-Darm-Bereich kommen.
Ein solcher Blutverlust kann ebenfalls zu einem Eisenmangel bzw. einer Anämie beitragen.

RISIKOGRUPPE FRAUEN 
Frauen haben öfter einen Eisenmangel als Männer.
Das kann verschiedene Ursachen haben.
Blutverlust während der Periode:
Der Blutverlust bei der Menstruation fällt von Frau zu Frau unterschiedlich aus.
Starke Regelblutungen erhöhen den Eisenbedarf und können zur Entstehung eines Eisenmangels beitragen.

Erhöhter Eisenbedarf während der Schwangerschaft:

Im Rahmen einer Schwangerschaft bildet der Körper mehr Blut, damit das heranwachsende Kind ausreichend mit Blut versorgt ist.
Somit ist der Eisenbedarf während der Schwangerschaft deutlich erhöht.
Ein Eisenmangel kann das Risiko für eine Frühgeburt erhöhen.

Eisenarme Ernährung:
Ernährungsstudien deuten darauf hin, dass sich Männer in der Regel eisenreicher ernähren als Frauen.
Gerade bei Frauen unter 50 Jahren ist eine geringe Eisenaufnahme problematisch, da Frauen in diesem Alter aufgrund der Regelblutung einen höheren Eisenbedarf haben. 

www.eisen-netzwerk.de
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Rätselhafte Erkrankung

bei ungewollter Kinderlosigkeit leiden Betroffene möglicherweise an Endometriose

Hinter starken Regelbeschwerden kann eine Endometriose stecken.

Viele Frauen nehmen die Beschwerden lange aber einfach hin - mitunter mit schwerwiegenden Folgen.
Die einen haben Kopfschmerzen, andere Unterleibsschmerzen und die nächsten plagt permanente Übelkeit.
Solche und andere Beschwerden kennen viele Frauen kurz vor oder während ihrer Monatsblutung.
Doch bei manchen sind die Schmerzen im Zuge der Periode derart intensiv, dass sie es kaum aushalten können.

Noch dazu werden Betroffene in ihrem Umfeld oft nicht ernstgenommen.
"Jetzt stell dich mal nicht so an", "heißt es nicht selten.
Viele der Frauen glauben, dass die Schmerzattacken ein unabwendbares Schicksal sind.
Aber normal sind Höllenqualen bei der Periode nicht.

Betroffene sind womöglich an Endometriose erkrankt.
In der Bezeichnung steckt das Wort Endornetrium, das übersetzt Gebärmutterschleimhaut bedeutet.
Bei Endometriose handelt es sich um gutartige Schleimhautzellen, die sich außerhalb der Gebärmutter ansiedeln.
Das kann an den Eierstöcken oder an der Wand der Gebärmutter, aber etwa auch an der Blase oder im Darm sein.

Süßer Name für ein tückisches Problem
Weil die Schleimhautzellen mit Blut volllaufen und dann wie Schoko-Kugeln aussehen, heißen sie auch Schokoladenzysten.
Doch ihrem Namen zum Trotz: Schokoladenzysten sind tückisch.
Sie sorgen oft für nur schwer erträgliche Schmerzen.
Das Problem: Nicht immer wird die Krankheit gleich erkannt - eben, weil Betroffene Regelbeschwerden als normal einstufen.

Das kann zur Folge haben, dass nicht selten Jahre vergehen, bis die Diagnose Endometriose gestellt wird.
In der Zwischenzeit ist es möglich,  dass z.B. Verwachsungen oder Entzündungen in den befallenen Organen auftreten.
Das geht mitunter so weit, dass die Organe ihre Funktionen nicht mehr richtig erfüllen können.
Was die Ursache der Erkrankung ist, ist bislang unklar.
Vermutlich ist eine Endometriose genetisch bedingt.
Es gibt aber auch Patientinnen, die Endometriose- Herde im Körper, aber keinerlei Beschwerden haben.

Endometriose ist bislang eine "absolut rätselhafte Erkrankung".

Ihren Gynäkologen sollten Frauen zu Rate ziehen, wenn durch die Schmerzattacken die Lebensqualität stark leidet und den Beschwerden mit Schmerzmitteln nicht beizukommen ist. Ungewollte Kinderlosigkeit kann ebenfalls ein Hinweis auf Endometriose sein.
Gleiches gilt für Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder beim Wasserlassen.

Haben sich im Unterleib der Frau Endometriose-Herde bereits ausgebreitet, treten nicht selten auch nach der Periodeschmerzen auf.
Die Erkrankung ist allerdings nicht über eine reguläre gynäkologische Untersuchung mit Ultraschall allein zu diagnostizieren.
Letzte Gewissheit bringt nur eine Bauchspiegelung, die unter Narkose erfolgt.
Dabei entnimmt der Arzt verdächtiges Gewebe, das im Labor untersucht wird.

Nur eine Bauchspiegelung bringt Klarheit
Nicht wenige Patientinnen sträuben sich jedoch gegen eine Bauchspiegelung, weil sie glauben, dass sie unangenehm sei.
Sie lassen sich daher im Fall von Regelbeschwerden von ihrem Gynäkologen eine Hormontherapie verschreiben.
Das kann z.B. die Einnahme der Antibabypille sein.

Fundquelle: Auszug – „VOLKSSTIMME“  Oktober 2019

« Letzte Änderung: 14. Januar 2020, 10:01:20 von RalleGA »
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Die blinden Flecken der Frauengesundheit

Eine Gruppe kranker Menschen sind Patienten - so männlich will es die Grammatik.
Patientinnen sind da natürlich mitgemeint, heißt es dann.


Doch allzu oft zeigt sich in der Gesundheitspraxis, dass Frauen zwar mitgemeint, aber nicht mitgedacht sind
- und das hat teils brandgefährliche Folgen.
Die Schieflage zeigt sich auf mehreren Feldern:
Viele Krankheiten werden bei Frauen später erkannt als bei Männern, viele Arzneimittel sind eher in ihrer Wirkung auf Männer untersucht.
 
Oft beginnt das Problem aber schon früher, sagt Ingrid Mühlhauser, Professorin für Gesundheitwissenschaften an der Universität Hamburg und Vorsitzende des Arbeitskreises Frauengesundheit. "Wir haben in den Machtstrukturen des Gesundheitswesens einen Herrenclub", sagt sie.
"Und der bestimmt, was geforscht wird." Die Folge: Viele Krankheiten und Fragestellungen, die vor allem Frauen betreffen, sind kaum oder unzureichend erforscht - Verhütungsmethoden und ihre Nebenwirkungen z.B. oder die Endometriose, also Zysten und Entzündungen etwa an den Eierstöcken: Eine Krankheit mit zahlreichen Betroffenen, die oft massive Schmerzen erleiden, die aber trotzdem nur wenig erforscht ist.
Entsprechend groß ist die Zahl der Fehl- und Nichtdiagnosen.     

Betroffen von der Schieflage sind aber nicht nur frauenspezifische Krankheiten,
sondern auch die sogenannten Volkskrankheiten wie Diabetes, aber auch der Herzinfarkt.

Hier zeigt sich vielleicht am besten, was in der Medizin schiefläuft, wenn es um Frauen geht. 


Der plötzliche Schmerz in der Brust, der Zusammenbruch: Der Herzinfarkt gilt vielen noch immer als reine Männerkrankheit.
Dabei stimmt das gar nicht mehr, sagt Christiane Tiefenbacher, Chefärztin für Kardiologie am Marienenhospital in Wesel und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung.
"Das Bild vom Herzinfarkt als Männerkrankheit war früher vielleicht korrekt, aber Frauen holen definitiv auf."

Allerdings verläuft der Herzinfarkt bei Frauen etwas anders als bei Männern.
So sind die Symptome häufiger untypisch, wie Mediziner sagen:
"Bauch- und Rückenschmerzen z.B. statt des klassischen Engegefühls in der Brust", wie Tiefenbacher erklärt.
Dadurch erkennen selbst Profis einen Herzinfarkt bei Frauen oft spät oder gar zu spät.
Das gilt vor allem für jüngere männliche Ärzte, sagt Tiefenbacher: "Wir wissen aus Studien, dass Frauen bessere Chancen auf eine korrekte Behandlung haben, wenn sie von Frauen behandelt werden."

Grund sind nicht nur die untypischen Symptome - oft kommen auch psychologische Hürden auf beiden Seiten dazu:
"Frauen haben einerseits oft das Problem, dass sie in ihrem Schmerz nicht so ernst genommen werden -
andererseits aber auch, dass sie niemandem zur Last fallen wollen."
Noch an weiteren Stellen hapert es, erklärt die Expertin: "Selbst wenn der Verdacht frühzeitig aufkommt,
werden bei Frauen seltener aufwendige Untersuchungen vorgenommen, stattdessen beobachtet man länger."
Auch die verschriebenen Medikamente sind oft andere - und nicht zwingend passendere.
"Mehr Psychopharmaka zum Beispiel.
Das zeigt ja auch, wie weniger ernst Beschwerden genommen werden."

Genau wie der Herzinfarkt gilt auch der Diabetes Typ 2 oft als Männerkrankheit, selbst bei Ärzten.
Entsprechend früh wird er bei Männern häufig entdeckt.
"Bei vielen Frauen dagegen finden wir den erst über die Komplikationen, nach dem ersten Herzinfarkt",
sagt Julia Szendrödi, stellvertretende Direktorin der Klinik für Diabetologie an der Uniklinik Düsseldorf.

Oft hat die Fehldiagnose einen ganz simplen Grund.
"Wenn der Hausarzt auf Diabetes Typ 2 testet, nimmt er häufig den Nüchtern-Blutzucker", erklärt die Expertin.
"Bei Frauen mit Diabetes Typ 2 ist der in der Frühphase der Krankheit aber häufig noch im Normbereich“.
Die Diagnose lautet dann: kein Diabetes - und damit keine dringend nötige Behandlung.

Männer haben zwar etwas häufiger Typ-2-Diabetes - aber Frauen verlieren mehr gesunde Lebensjahre und haben eine stärker erhöhte Sterblichkeit."
Auch hier liegen psychologische Ursachen zugrunde - etwa dann, wenn es um die Behandlung geht.
"Da gibt es bei Ärzten oft noch das Vorurteil, dass die Frauen sich ohnehin gut darum kümmern", sagt Szendrödi.
"Tatsächlich ist es aber so, dass viele Frauen sich noch immer zuerst um die Familie kümmern und erst danach um sich selbst."
Daran können die Frauen und ihr Umfeld etwas tun.
Gefragt sind aus Sicht von Szendrödi aber vor allem die Ärzte.
Diese sollten etwa vermehrt fragen, ob Frauen mit den Medikamenten und den typischen Nebenwirkungen zurechtkommen
- wie niedrigem Blutdruck, der vor allem bei normalgewichtigen oder schlanken Frauen mit Diabetes Typ 2 auftritt.
"Der fühlt sich einfach nicht gut an, weil er müde und schlapp macht.
Dann setzen die Frauen das Medikament ab, haben im Arztgespräch aber keine Gelegenheit, über das Problem zu reden.
Und der Arzt erhöht dann einfach nur die Dosis."

Problem erkannt - Gefahr gebannt?
Immerhin sagen sowohl Szendrödi als auch Kardiologin Tiefenbacher: Besserung ist in Sicht.
Das Problem sei inzwischen präsent und spiele auch in der Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten eine Rolle.
Patientinnen sollten es aber auf dem Schirm haben, sagt Tiefenbacher:
Wir raten betroffenen Frauen, das Thema tatsächlich gezielt anzusprechen und eine intensive Untersuchung auch einzufordern."

Ähnlich sieht das Ingrid Mühlhauser - wirklich besser könne es aber erst werden, wenn die Machtstrukturen im Gesundheitswesen nicht mehr so männlich dominiert seien wie heute.

Und selbst dann sei fraglich, ob sich wirklich alle Schieflagen aus der Welt schaffen ließen.
"Das ist generell ein sehr komplexes Problem", sagt sie.
Denn natürlich spielen soziale Gründe dabei ebenfalls eine Rolle: Selbst gut ausgebildete Frauen geraten öfter in die Armutsfalle als Männer - was eine Auswirkung auf die Qualität der gesundheitlichen Versorgung hat.
Und der Unterschied zwischen Frauen und Männern ist längst nicht das einzige Problem der Arzneimittelforschung, so Mühlhauser:
"Es fehlt da generell an einem genauen, differenzierten Blick auf den Einzelnen."
Die Expertin wünscht sich daher mehr und andere Kommunikation sowie mehr und andere Informationen für die Betroffenen
- damit diese sich im Zweifelsfall wehren können, bevor sie falsch oder unzureichend behandelt werden.

"Frauen müssen die Möglichkeit haben, ihre Probleme zu verstehen.
Und Menschen generell sollen in der Medizin informierte Entscheidungen treffen können." 

Fundquelle: Auszug – „ALTMARK-Zeitung“  März 2020
« Letzte Änderung: 23. Juni 2020, 09:41:00 von RalleGA »
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