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Autor Thema: Abenteuer Diagnose: Stiff-Person-Syndrom; Borreliose; Osteomalazie(FGF23)+mehr  (Gelesen 2555 mal)

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Offline RalleGA

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Abenteuer Diagnose 

Dumping-Syndrom


Als junger Internist arbeitete ich in einer Klinik in Hannover, das war vor etwa 40 Jahren.
Wir bekamen immer wieder von der Berufsgenossenschaft, also der gesetzlichen Unfallversicherung, Patienten zur Begutachtung geschickt.
Dabei ging es um Arbeitsunfälle oder Berufskrankheiten und die Frage:
Konnte der Betroffene weiter seinen Beruf ausüben, oder aber war er überhaupt noch arbeitsfähig?

So lernte ich einen Bauarbeiter kennen, der sich einige Jahre zuvor bei einem Sturz vom Gerüst schwer verletzt hatte.
Unter den Folgen litt der 50-Jährige noch immer: Schief zusammengewachsene Rippen erschwerten das Atmen.
Die Milz war beim Sturz gerissen und musste entfernt werden.
Auch die Darmwände waren beim Unfall an mehreren Stellen schwer geschädigt worden.

In einer Not-OP hatten die Chirurgen den Darm wieder zusammengeflickt, seitdem hatte der Patient häufiger Bauchweh und gelegentlich Durchfall.

Nun sollten wir ein aktuelles Problem abklären:

Der Mann hatte einen neuen Job als Pförtner, dorthin war er als Schwerbeschädigter versetzt worden.
Ein- bis zweimal pro Woche brach er ohnmächtig in der Pförtnerloge zusammen.
Bislang hatte kein Mediziner die Ursache finden können.
Manche sahen ihn als „Rentenjäger" - als einen Simulanten, der nicht mehr arbeiten wollte.

Eine vorübergehende Bewusstlosigkeit kann verschiedene Gründe haben.
Häufig spielt das vegetative Nervensystem eine Rolle:
Durch Reize wie Kälte, Stress oder Schmerz kann der Blutdruck in Sekunden auf extrem niedrige Werte fallen, das Gehirn bekommt nicht genug Sauerstoff, der Betroffene kippt um.
Ein gefährlicherer Auslöser von Bewusstlosigkeit sind Herzrhythmusstörungen.
Aber das Herz des Mannes war gesund und kräftig. Mein Ehrgeiz war geweckt.
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Mann die Ohnmachten vorgaukelte, dafür erschien er mir zu handfest.

Hing vielleicht die frühere Bauchverletzung mit den wiederkehrenden  Bewusstlosigkeiten zusammen?
Als ich mich mit ihm unterhielt, fiel mir etwas Besonderes in seinen Erzählungen auf:
Er kippte immer am Nachmittag gegen 16 Uhr um.


Zahlreiche Vorgutachten hatten beschrieben, dass die "Magen-Darm-Passage" des Mannes,
eine Untersuchung des Verdauungstrakts mit Kontrastmittel, "wild" ausgesehen habe.
Der Grund: Bei der Not-OP hatten die Chirurgen mehrere Teile des Darms entfernen und die jeweils verbliebenen Enden miteinander vernähen müssen.

Ich überlegte: Könnte der Mann ein "Dumping-Syndrom" haben?
Bei dieser Erkrankung entleert sich der Mageninhalt blitzschnell in den Dünndarm, anstatt wie normalerweise langsam weitergeleitet zu werden. Der Körper resorbiert rasch große Mengen Kohlenhydrate, der Blutzucker steigt. Die Bauchspeicheldrüse schütte daraufhin reichlich Insulin aus, sodass der Blutzucker wieder schlagartig sinkt.
Die Patienten zeigen dann die typischen Symptome einer Unterzuckerung: Schwitzen, Händezittern und Bewusstlosigkeit.

Das Syndrom war in jener Zeit relativ häufig. Betroffen waren vor allem Patienten, denen der Magen wegen wiederholter Magengeschwüre teilweise entfernt worden war - die damals gängige Therapie.

Aber: Mein Patient hatte seinen Magen noch.
Seitdem er bei uns war, war er nicht mehr bewusstlos geworden. Das konnte an der Schonkost liegen.
Ich ließ ihm eine üppige Mahlzeit bringen, vergleichbar mit seiner Kantinenkost.
Danach maßen wir alle 30 Minuten den Blutzucker.
Nach vier Stunden war es so weit: Der Wert stürzte dramatisch ab.
Normal sind etwa 120, bei 40 brach ich den Versuch ab.
Denn eine Unterzuckerung ist nicht nur unangenehm, sondern auch gefährlich und kann tödlich enden.
Der Patient litt unter einem Dumping-Syndrom - offenbar, weil ihm Teile des Dünndarms fehlten.

Die Behandlung war einfach:
Von nun an vermied er große Mahlzeiten und aß stattdessen häufiger mal eine Kleinigkeit zwischendurch.
Für den Notfall hatte er Traubenzucker dabei.
Heutzutage leiden vor allem Patienten unter dem Dumping-Syndrom, die sich wegen ihres starken Übergewichts den Magen haben verkleinern lassen. 

Fundquelle: Auszug – „Stern“ Nr.6 – 2018

« Letzte Änderung: 08. September 2018, 19:14:23 von RalleGA »
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Abenteuer Diagnose 

Variante der normokaliämischen Paralyse


Therapie: Currywurst-Pommes   


Ohne den wachen Geist des Patienten hätte ich den Fall nicht gelöst.
Die Krankengeschichte des österreichischen Mathematikers hat mir monatelang keine Ruhe gelassen.

Seit knapp 50 Jahren suchte der Professor verzweifelt nach einer Erklärung für ein rätselhaftes Phänomen:
Als Teenager war er erstmals von einer extremen Müdigkeit und Schlappheit überfallen worden.
Nach und nach waren seltsame Lähmungsattacken dazugekommen.
Seit nunmehr zehn Jahren litt er fast jeden Tag an diesen Attacken, die meist gegen fünf Uhr nachmittags auftraten:
Wie aus dem Nichts brach er zusammen und konnte sich etwa drei Stunden nicht bewegen, nicht sprechen, nicht blinzeln.
Er war dabei bei vollem Bewusstsein.
„Einmal sackte ich im Garten neben einer Ameisenstraße zusammen“, erzählte der damals 68- Jährige.
„Die Tiere krabbelten mir in Nase, Augen und Ohren, und ich konnte nichts tun."
Seine größte Angst war, in ein Wachkoma zu fallen - Ärzte hatten gesagt, dass er darauf zusteuere.
Und dass er vermutlich nur noch ein Jahr zu leben habe.

Der Mann hatte über die Jahrzehnte die unterschiedlichsten Diagnosen bekommen:
Epilepsie, Parkinson, multiple Sklerose, Depressionen, Schizophrenie.
Einige Ärzte stempelten ihn als verrückt ab.
90 Schulmediziner hatte er aufgesucht, 40 Alternativmediziner und einen afrikanischen Wunderheiler.

Der Professor sagte zu mir: "irgendwie hängen die Lähmungen mit dem Essen zusammen."

Wenn er besonders deftig äße, blieben die Attacken auch mal aus.
Schon oft war sein Zuckerstoffwechsel überprüft worden - um Unterzuckerungen auszuschließen, die zu Schocks führen können.
Ich wusste: Vorübergehende Lähmungen können auch auftreten, wenn das Kalium im Blut zu hoch oder zu niedrig ist.
In der Fachsprache heißen diese Lähmungen: hyper- oder hypokaliämische periodische Paralysen.
Aber die Kaliumwerte im Blut des Mannes waren während der Attacken immer normal gewesen.
Nachdem ich dem Professor von diesen Lähmungsarten erzählt hatte, begann er, Tabellen anzufertigen - darüber, was er aß und wie es ihm danach ging: "Salat: furchtbar, Weißbrot: geht gerade, Wiener Würstchen: exzellent."
Dann berechnete er die Inhaltsstoffe der Nahrungsmittel und setzte diese in Bezug zu seinen Attacken.

Ergebnis:
Waren die Lebensmittel reich an Kalium, wie Obst und Gemüse, ging es ihm wenige Stunden nach dem Essen schlecht.
Waren die Speisen sehr salzig - enthielten sie also viel Natrium, den Gegenspieler von Kalium - ging es ihm besser.
Daraufhin suchten Kollegen aus unserem Labor und dem Physiologischen Institut fieberhaft nach dem Grund.
Relativ rasch fanden Professor Niels Decher und Dr. Muhidien Soufi heraus:
An den Zellen des Patienten waren spezielle Kaliumkanäle genetisch verändert.
Bis wir uns sicher waren, dass dieser neu entdeckte Defekt die Ursache der Erkrankung war, dauerte es noch fast ein halbes Jahr:
Die Kanäle pumpten unablässig Kalium aus dem Blut in die Zellen.
War der Kaliumspiegel in den Zellen irgendwann zu hoch, traten die Lähmungen ein.
Dabei war im Blut der Kaliumspiegel aber normal.
Wir hatten eine neue Variante der "normokaliämischen periodischen Paralyse" gefunden.
Der Patient wurde in unserer Neurologie stationär aufgenommen und bekam entwässernde Tabletten,
die das Kalium aus den Zellen spülten. Zudem stellte er seine Ernährung um.
Nach drei Tagen stand er auf und ging ohne müde Muskeln oder Lähmungen spazieren.
Auch für uns war das wie ein kleines Wunder.
Seitdem heißt "gesundes" Essen für ihn: Wurst, Pommes, Schnitzel und Burger - eben viel Salz.
Und "schlechtes" Essen bedeutet: Obst, Gemüse und Salat.

Seit knapp zwei Jahren hatte der Professor keine Lähmung mehr.
Er ist geheilt - nach 50 Jahren Elend!
Er entwickelte eine eigene Formel, mit der er berechnen kann, wie seine Kraft eine Stunde nach dem Essen sein wird
- abhängig vom Kalium- und Natriumgehalt der Lebensmittel.
Bislang ist diese Krankengeschichte einzigartig auf der Welt.

Fundquelle: Patientenakte
« Letzte Änderung: 07. Oktober 2018, 10:17:09 von RalleGA »
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Abenteuer Diagnose

Stechen hinterm Auge


Seit über 17 Jahren leide er unter Migräne - so klagte der Mann, der in meine Sprechstunde kam.
Er war etwa 50 Jahre alt. "Sie müssen mir helfen, ich bin medikamentös nicht gut eingestellt" sagte er.
Drei- oder viermal pro Woche quälten ihn stundenlange Kopfschmerzattacken.   

Der Hausarzt hatte ihn im Laufe der Jahre zu verschiedenen Experten geschickt.
Ein Neurologe veranlasste eine Kernspinuntersuchung von Kopf und Halswirbelsäule, um Abnutzungen,
einen Tumor und andere Erkrankungen auszuschließen. Beide Befunde waren unauffällig.
Er verordnete ein Herzmedikament, das bekanntermaßen Migräneattacken vorbeugen kann - jedoch keine typischen Migränemittel.
Ein Orthopäde verschrieb dem Mann Nackenmassagen.
Die Beschwerden blieben.     

Kurios war, dass der Patient bei einem Migräneanfall im Auto den Kopf aus dem Fenster gehalten hatte.
Frische Luft lindere die Schmerzen, sagte er.
Wenn er bei der Arbeit einen Anfall bekomme, laufe er draußen auf und ab.
Das war anders als bei klassischen Migränepatienten. Bei ihnen heizt jede kleine Bewegung die Schmerzen an.
Nachts, so der Patient, treibe ihn die Pein oft aus dem Bett.
Auch das war ungewöhnlich - typischerweise wachen Migränepatienten morgens mit den Schmerzen auf und bleiben bei zugezogenen Vorhängen reglos im Bett.
Weil ihm sonst nichts half, hatte der Mann seine eigene Therapie entwickelt:
Bei einer Attacke zündete er sich eine Zigarette an und trank einen Espresso.

Dass diese Kombination Schmerzen linderte, kannte ich von Patienten - allerdings denen, die an Clusterkopfschmerzen litten.
Hatte der Mann gar keine Migräne.
Rund 150.000 Menschen in Deutschland leiden an Clusterkopfschmerz.
Die Betroffenen klagen über plötzliche, heftige, stechende Schmerzen auf einer Seite - vor allem hinter dem Auge und an der Schläfe.
 Das Auge ist gerötet und tränt, die Nase einseitig verstopft.
Vier von fünf Patienten sind Männer.
Die Ursachen sind bislang nicht genau bekannt.

Man nimmt eine Fehlsteuerung im Gehirn an, die sich unter anderem auf die Gesichtsnerven auswirkt.
Um die Wahrheit herauszufinden, sprühte ich dem Mann Nitroglyzerin in den Mund und schickte ihn ins Wartezimmer.
Normalerweise nutzt man das Mittel, um bei einem Herzanfall die Herzkranzgefäße weiter zu stellen,
so dass das Pumporgan wieder genug Sauerstoff bekommt.
Erweiterte Gefäße im Kopf provozieren je doch auch Clusterkopfschmerzen.

20 Minuten später kehrte der Patient zurück.
Schmerzgeplagt hielt er sich das rechte Auge, das gerötet war.
Die rechte Gesichtshälfte war angeschwollen, dass eine Nasenloch verstopft.
Ich ließ ihn sofort reinen Sauerstoff einatmen.
Fünf Minuten später war die Attacke vorüber.
Reiner Sauerstoff ist für viele Clusterkopfschmerz-Patienten die letzte Therapiemöglichkeit.
Der Patient hatte längst intuitiv für sich die lindernde Wirkung frischer Luft erkannt und im Alltag angewendet.

Nun suchten wir nach einem Weg, um die Anzahl der Anfälle zu reduzieren.
Wir probierten verschiedene Medikamente aus. Er bekam zunächst eine Art Elektrostimulationsgerät,
das den Vagus-Nerv im Kopf- Hals-Bereich anregt und den Attacken vorbeugen soll.  Erfolglos.     
         
Also ließen wir ihm, vom Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen eine SPG-Sonde einsetzen. Das ist ein Chip,
etwa einen halben Zentimeter groß, der ein Nervenbündel hinter dem Wangenknochen stimuliert,
das Ganglion sphenopalatinum (SPG).

Hinter den oberen Weisheitszähnen wird über einen kleinen Schnitt das Implantat in die Wange an dem Nervenknoten platziert.
Der Patient steuert die Sonde von außen mit einer Art Mobiltelefon.
Die SPG-Sonde gibt es seit fünf Jahren, die Kassen erstatten die Kosten.
Rund 300 Menschen weltweit tragen den Chip bislang, in Deutschland sind es etwa 20.
Bei diesem Patienten gelang es uns, die Zahl der Anfälle um zwei Drittel zu reduzieren.
Für die wenigen verbleibenden Anfälle bekam er reinen Sauerstoff auf Rezept, den er über eine Maske einatmen kann.
Der Mann führt seitdem ein nahezu normales Leben. 

Fundquelle: Auszug - Patientenakte
« Letzte Änderung: 24. November 2018, 13:26:12 von RalleGA »
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Vor ein paar Jahren kam ein junger Mann in meine Sprechstunde, der Probleme beim Atmen hatte:
Er bekam schwerer Luft als früher.       

Obwohl er sich immer gern bewegt hatte, joggte er nicht mehr, zu schnell ging ihm die Puste aus.
Auch Treppensteigen machte ihm Mühe.
Der Allergietest beim Hausarzt hatte ergeben, dass der Patient gegen Bäume wie Erle, Birke und Haselnuss, die früh im Jahr blühen, allergisch war. Nachdem die üblichen Mittel nicht gut anschlugen, verwies der Arzt den Mann an uns. Ich hörte die Lungen ab und vernahm hohe und tiefe Geräusche - sie werden "Giemen" und "Brummen" genannt und sind typisch für Asthma.
Ich verschrieb ein Spray, das der Patient bei Bedarf nehmen sollte.     

Doch innerhalb der nächsten Monate besserten sich die Beschwerden nicht.
Meist litt der Mann tagsüber an Luftnot. Gelegentlich weckte ihn auch nachts ein quälender Husten.   

Bei jedem neuen Termin steigerten wir die Dosierung der Medikamente, so wie es der Asthma-Stufenplan vorgibt.
Der Patient erhielt bald dauerhaft ein Spray mit Kortison und zwei weitere mit bronchienerweiternden Mitteln. Doch die Probleme beim Atmen blieben - auch, als der Frühling längst vorbei war und die Allergie gegen die blühenden Bäume hätte nachlassen müssen.

Hatte er ein anderes Lungenproblem?

Wir checkten ihn noch einmal gründlich durch.   
Die Röntgenaufnahme zeigte weder eine Lungenentzündung noch Tuberkulose.
Vergrößerte Lymphknoten, die ein Zeichen für einen Tumor oder eine Sarkoidose hätten sein können, konnten wir nicht entdecken.
Ebenso wenig Gewebeknötchen, die gleichfalls auf eine Sarkoidose hindeuten - diese seltene Lungenerkrankung tritt bei Patienten zwischen 20 und 40 Jahren auf und geht mit asthmaähnlichen Beschwerden einher.
Fast alle Laborwerte waren unauffällig. Nur das Immunglobulin E (IgE) war erhöht.    
IgE sind Antikörper, die das Abwehrsystem vor allem bei allergischem Asthma produziert - aber auch, wenn Parasiten wie etwa Würmer in den Körper gelangt sind.
Eine andere Ursache für den erhöhten Wert könnte eine allergische Reaktion auf Schimmelpilze sein.
Aber: Wir fanden weder in der Computertomografie noch bei der Lungenspiegelung Anzeichen für bestimmte Keime oder Schimmelpilze. Auch ein Hauttest erbrachte kein Ergebnis.             

Also machten wir einen sogenannten RAST-Test:

Diese Blutuntersuchung weist nach, gegen welche Stoffe der Körper spezifische IgE-Antikörper gebildet hat.
Der Test zeigte, dass der Mann gegen frühblühende Bäume und Hausstaubmilben sensibilisiert war.
Letzteres erklärte das nächtliche Husten - Hausstaubmilben-kommen vor allem in Matratzen und Oberbetten vor.
Wir empfahlen, die Matratze mit einem Spezialüberzug zu umhüllen und die Bettwäsche häufiger zu waschen.
Die Werte für Schimmelpilze waren dagegen nur leicht erhöht - sie erklärten nicht die dauernden, heftigen Beschwerden. 

Was löste die Atemprobleme tagsüber aus?
Ich fragte den Patienten, wo er arbeitete.
Er erzählte, er sei Barista - jemand, der Kaffeespezialitäten zubereitet.
Er röstet aber auch Kaffee selbst.
Die Symptome so fuhr er fort, nähmen zum, wenn frischer, grüner Kaffee geliefert werde.
In der Fachliteratur fand ich eine Studie, die zeigte, dass bestimmte Eiweiße aus dem Staub grüne:
Kaffeebohnen asthmatische Beschwerden auslösen können.     

Hierzulande ist grüner Kaffee als Ursache für Allergien äußerst selten. In Kaffeeregionen, wie Äthiopien, Kolumbien oder Indonesien sind jedoch geschätzt 10-20% der Arbeiter von allergischeren Schnupfen und Asthma betroffen.         

Die wirksame Behandlung wäre: den Kontakt zu grünem Kaffee zu meiden.
Das kam für den Barista nicht infrage, denn der Betrieb sei auf seine Hilfe angewiesen.
Also ergänzten wir die Therapie um einen Wirkstoff, der neu auf den Markt gekommen war - aber auch der besserte die Luftnot nicht.
Nach einem halben Jahr brach der Patient die Behandlung ab.
Inzwischen hörte ich, dass er doch die Branche gewechselt hat - und heute im Büro arbeitet. 

Fundquelle: Auszug - Patientenakte
« Letzte Änderung: 23. Dezember 2018, 09:49:48 von RalleGA »
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Seit einigen Jahren litt die Frau, die zum ersten Mal in meiner Sprechstunde saß, an immer wiederkehrendem Husten.
Nun war er so stark, dass sie dunklen Auswurf aushustete.
Die Patientin war besorgt, weil ihr Vater an Lungenkrebs gestorben war.
Ansonsten schien die Dame aber fit zu sein: Sie war schlank, sportlich, Nichtraucherin und achtete auf gesunde Ernährung.         

Als sie das Zimmer betreten hatte, war mir ihre geschwollene Lippe aufgefallen.
Ich konzentrierte mich aber zunächst auf den Husten.
Zwar glaubte ich nicht, dass sie an Lungenkrebs erkrankt war, trotzdem veranlasste ich eine Röntgenuntersuchung des Brustkorbs.
Ich fragte, ob sie Medikamente einnahm.
Sie erzählte, dass sie seit einiger Zeit Kortison erhielt, da sie an einer Lippenentzündung litt, einer "Cheilitis granulomatosa".
Die Frau hatte große Vorbehalte gegen die Therapie, da sie nur ungern Arzneien nahm und eher naturheilkundlich orientiert war.
Schluckte sie das Medikament jedoch nicht, schwoll ihre Oberlippe schnell rüsselartig an. In der Medizin nennt man dieses Phänomen "Tapirlippe" weil die Vorwölbung an Nase und Rüssel eines Tapirs erinnert - ein Tier, das in tropischen Wäldern lebt.
Mit dem Husten schien die Lippe aber nichts zu tun zu haben.     

Das Problem war die Lunge.
Auf den Röntgenbildern fielen mir helle Flecken auf.
Manchmal hinterlassen überstandene Infekte kleine "Schlaglöcher" in den sonst so glatten Bronchien:
In den vernarbten Kuhlen können sich Bakterien vermehren und Entzündungen auslösen.
Das würde den immer wieder aufkeimenden Husten erklären. Ich ließ den Auswurf untersuchen.   

Wenig später kam der Anruf aus dem Labor. Die Kollegen hatten Keime gefunden: "säurefeste Stäbchen“
also speziell geformte Bakterien mit besonderen Eigenschaften.
Litt die Frau etwa an einer Tuberkulose? Dazu würde diese Art der Erreger passen.
Doch schon bald kam die Entwarnung, genauere Untersuchungen hatten ergeben:
Es waren nicht jene Mykobakterien, die Tuberkulose verursachen, sondern eine andere Art.
Ich wusste, dass Mykobakterien manchmal das "Lady-Windermere-Syndrom" auslösen:
einen andauernden Bronchialinfekt bei Frauen mittleren Alters, die sich ansonsten gesund fühlen.

In Anlehnung an Oscar Wildes Bühnenstück „Lady Windermeres Fächer" sind einer medizinischen Theorie nach solche Frauen betroffen, denen es eher unangenehm ist, zu husten.
Werden Keime nicht ausgehustet, können sie zu immer wiederkehrenden Infekten führen.

Plötzlich fielen mir wieder die Lippen der Patientin ein.
Beide Entzündungsgeschehnisse - in der Lunge und in der Lippe - zeichneten sich durch knötchenartige Zellansammlungen aus,
durch "Granulome“ war das Zufall? Ich setzte mich an den PC und recherchierte.
Tatsächlich stieß ich in der Fachliteratur auf einzelne Fallbeschreibungen, die vermuten ließen, dass die Symptome der Frau zusammenhängen könnten.
Wenn das stimmt, müssten die Lippenschwellungen zurückgehen, wenn es mir gelang, die Bakterien aus der Lunge zu vertreiben.   

Als Erstes setzte ich das Cortison ab, da es das Immunsystem schwächte und damit Bekämpfung der Bakterien erschwerte.
Außerdem verordnete ich der Frau physiotherapeutische Atemgymnastik, um die Atemmuskulatur zu stärken und um eine spezielle Technik zu vermitteln, wie man Schleim aus den Bronchien besser nach oben befördert.
Zudem riet ich der Patientin regelmäßig mit warmem Kochsalzwasser zu inhalieren.
Auf Medikamente wollte ich vorerst verzichten.
Denn diese Variante der Mykobakterien ließ sich nur sehr schwer mit Anabolika behandeln. 

Es dauerte nicht lange, und die Frau fühlte sich besser.
Der Husten verschwand nach und auch die Schwellung der Lippe ging zurück.
Bis heute ist sie nicht wiedergekommen.
Wie es aussieht, hatte der Körper auf den Bakterienbefall in den Atemwegen nicht nur der Lunge mit einer Entzündung reagiert, sondern auch weit weg vom Ort des Geschehens: in der Lippe.

Ein Zusammenhang, der in diese Form noch in keinem Lehrbuch steht. 

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« Letzte Änderung: 15. Januar 2019, 15:20:07 von RalleGA »
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