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Autor Thema: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen  (Gelesen 20430 mal)

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Offline RalleGA

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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #30 am: 03. Februar 2016, 15:15:11 »
„Wege aus meiner Angst“ von Bärbel Köthke -

Aufenthalt in der Klinik für Psychiatrie/Psychotherapie
des SALUS-Fachkrankenhauses Uchtspringe
- Teil I -



Es war im letzten Oktoberdrittel 2003. Wir fuhren
morgens um 7.00 Uhr von zu Hause los. im Auto meine
gepackten Sachen für einen längeren Klinikaufenthalt in
Uchtspringe. Das Wetter war schauderhaft, es regnete
und stürmte. Genauso sah es in meiner Seele aus. Wir
redeten kaum, ich weinte nur. Nach Uchtspringe fährt
man von Gardelegen nur 15 Minuten.

Wir waren sehr zeitig angekommen und gingen zur
Anmeldung, wo dann sämtliche Formalitäten erledigt
wurden. Ich bekam einen Zettel für die Station 6a. Ich
wusste nicht, was mir bevorstand, und auch mein Mann
hatte "keine Ahnung. Also gingen wir gemeinsam zur
Station 6a und klingelten. Schon durch die Eingangstür,
die eine große Glasscheibe hatte, mit einer Gardine
etwas abgedeckt, konnte ich von außen einige Patienten
sehen. Ich erschrak und traute meinen Augen kaum.
Diese armen Menschen waren zum Teil stark behindert,
körperlich und geistig. Das zumindest war mein erster
Eindruck.

Die Tür öffnete sich und eine sehr nette Schwester, die
Stationsschwester, nahm uns freundlich in Empfang,
führte uns durch den Speiseraum, wo sich ein Teil der
Patienten aufhielt, und brachte uns zur Stationsärztin.  - 18 –

Mein Mann und ich sollten einen Augenblick warten, dann
kam auch die Ärztin. Nachdem  ich dieses Leid dort
gesehen hatte, wollte ich absolut nicht bleiben, wehrte
mich von innen heraus und wurde von Weinkrämpfen
geschüttelt. Man prophezeite mir jedoch, dass ich auf
keinen Fall wieder gesund werden könne, wenn ich nicht
hier bliebe. Also musste ich mich sofort entscheiden. Ich
schaute auf meinen Mann, der fix und fertig war, denn er
sah, was in mir vorging. Nach langer   Diskussionen mit der
Ärztin und meinem Mann blieb ich also, und mein Mann
konnte wieder fahren. Er dürfte mich anrufen, wurde ihm
gesagt. Ich schaute hinterher und dachte immer, was ich
hier sah, sei nur ein Traum. Aber es war die Realität.
Bittere Realität für mich, und ich stellte mir dauernd die
schmerzliche und quälende Frage,  Bärbel wo bist du nur
gelandet?

Ich musste ins Sprechzimmer der Stationsärztin und
meinen Ausweis abgeben. Das Bargeld auch, zur
Sicherheit. Dann wurde von mir ein Foto gemacht. Ich
kam mir wie gefangen vor, irgendwie entmündigt, so ohne
Ausweis. Wer war ich denn eigentlich noch, was war aus
mir geworden? Mir wurde gesagt, dass ich mich hier auf
einer geschlossenen Station befinde, das hieß, hier
werden alle Türen nach außen abgeschlossen. Das war der
nächste Schock. Was passiert mit mir? Immer wieder
stellte ich mir diese Frage: Warum bist du auf einer
geschlossenen Station gelandet? - 19 –

Kurze Zeit später wurden mir ein Bett und ein
Schrankfach zugewiesen - in einem riesigen Schlafsaal:
20 Betten ungefähr, eine bedrückende Raumsituation,
die inzwischen der Vergangenheit angehört, weil diese
Station jetzt in einem modern sanierten Klinikgebäude
untergebracht ist. Bloß gut, kann man da nur sagen, denn
mit so vielen kranken Menschen in einem Saal für mich
war das wirklich belastend. Ich zog ganz ans Ende ins
letzte Bett, legte meine Sachen in Schrank und
Nachtschrank und musste meine Nachtwäsche ins Bett
legen. Ich sah die anderen Patienten nur von weitem, aber
das genügte mir schon: So ein trauriger Anblick!

Dann wurde ich zur Ärztin gebracht. Sie untersuchte
mich kurz, fragte nach meinen Beschwerden und seit
wann ich sie hätte. Sie war nett, aber was nützte das?!
Ich erzählte ihr alles sehr ausführlich und sagte dann
auch dass das Leben so für mich einfach nicht mehr
lebenswert sei. So wollte und konnte ich nicht
weiterleben. Für die Ärztin war in diesem Moment wohl
gleich sonnenklar: Suizidgefährdet! Sie sagte mir, ich
müsse einige Zeit auf jeden Fall hier bei ihr auf der
Station bleiben und dann sähen wir weiter. Und ich bekam
Tabletten zur Beruhigung.

Wieder zurück in meinem Bett, starrte ich den ganzen
Tag nur an die Decke. Zum Essen konnte ich kurz
aufstehen und musste mich dann wieder hinlegen.  - 20 -

Die Essensaufnahme war grausam. Meine Mitpatienten
waren zum Teil Schwerstkranke, die auch bei Tisch unter
Anfällen litten, so dass mich mein Appetit verließ, Es
Wurde geschrien, auf den Tisch gespuckt oh, Gott, wie
krank ein Mensch doch werden kann!

Auch die erste Nacht empfand ich als grauenvoll. Am
Nächsten Morgen durfte ich aufstehen und normal mit
den anderen frühstücken. Danach tat sich erstmal
nicht. Es kam kein Arzt, der Visite gemacht oder mit mir gesprochen hätte.
Auch keine Therapie.
Ich saß im der äußersten Ecke in einem Sessel, nachdem wir
unseren Tischdienst erledigt harren (Geschirr ab-und in
den Geschirrspüler einräumen sowie die Küche
aufwischen). Bei dieser einfachen Tätigkeit merkte ich,
wie schwach ich körperlich war. Ich zitterte und schwitzte.

Wollten die Patienten nach draußen oder zum Rauchen,
wurde von den Schwestern aufgeschlossen. Nur wer
diszipliniert war, durfte auf dem Balkon rauchen. Ich
empfand die Regularien als erniedrigend. Musste das
wirklich sein? Irgendwie drängte sich das Gefühl auf,
entmündigt zu und seiner Würde beraubt zu werden.
Dieses Auf- und Zuschließen machte mich fix und fertig.
Und h i e r sollte ich bleiben?
So hatte ich mir in meinen Schlimmsten Träumen die Klapsmühle vorgestellt.
Genauso. Ich hatte den Eindruck, immer kranker zu
Werden und wollte hier nur noch raus. - 21 -

Abends rief mein Mann an. Ich sagte ihm, ich könne hier
nicht bleiben, ich sei nicht auf der richtigen Station. So
könne es nicht weitergehen. Meine Kinder aus Frankfurt
riefen ebenfalls an und sorgten sich um mich. Nach drei
Tagen war alles noch genauso wie am ersten Tag, und ich
erfuhr, dass die Ärztin, die mich eingewiesen hatte, für
längere Zeit im Urlaub war. Das belastete mich sehr. Ich
bat meine Familie inständig, mich hier herauszuholen,
denn ich war am falschen Ort. Die Schwestern
ermutigten mich, über meine Zweifel offen zu sprechen
und meinten, dass ich dann möglicherweise auf eine
andere Station käme.

Mein Mann hatte sich unterdessen mit dem Oberarzt der
offenen Station in Verbindung gesetzt. Der Arzt kam,
unterhielt sich sehr einfühlsam mit mir und sagte, dass
mein Mann gegen 13.00 Uhr zu erwarten sei, dann könne
ich selbst entscheiden, ob ich auf die obere, die offene
Station möchte. Das beruhigte mich etwas, zumal ich mir
diesen Klinikbereich sofort ansehen durfte. Hier wirkte
alles freundlicher, viel lockerer und es gab dann, wenn ich
bleiben würde, sofort einen Therapieplan.

Nach wie vor war ich völlig unten mit meinen Nerven und
meinem Gemütszustand. Die vier Tage auf der
"geschlossenen Psychiatrie" hatten mich erschreckt und
verunsichert. Doch nun machte es mich beinahe glücklich,
dass der Arzt mich anhörte und ermutigte. Als er mir - 22 -
dann erklärte, dass ich am Wochenende auch nach Hause
fahren darf (von Samstagfrüh bis Sonntagabend 19.00
Uhr), konnte ich es kaum fassen.
Warum ich mich nicht sofort für eine Einweisung auf
diese Station entscheiden konnte, lag sicher daran, dass
ich völlig fertig war und niemandem recht glauben
konnte. Im Nachhinein ist mir auch bewusst geworden,
dass die Aufnahme auf einer geschossenen Station ja
nur der Anfang eines langen Weges ist und dann erfolgen
muss, wenn jemand in einer akuten Krisensituation
zunächst besonders schutzbedürftig ist. Die Ärzte und
anderen Therapeuten müssen gegenüber diesen
Menschen eine enorme Verantwortung tragen, denn: Wer
möchte schon in ihrer Haut stecken, wenn das Risiko
unterschätzt wird und tatsächlich ein Suizid passiert
oder andere zu Schaden kommen?

Wie dem auch sei: Ich war jedenfalls heilfroh, das
erlebte Leid hinter mir lassen zu können. Um 13:00 Uhr
hatten wir mit dem Stationsarzt ein Gespräch. Mein
Mann war sehr angetan von diesem Arzt und ebenso von
Der Station. Ich musste mich nun entscheiden, wobei mir
Schnell klar war: Nach Hause mitzufahren wäre sinnlos
Gewesen. Ich überwand mich und sagte zu. Nun merkte
Ich, dass meinem Mann ein Stein vom Herzen fiel, denn er
War auch am Ende; mein Gemütszustand machte ihm sehr
Zu schaffen. Ich wollte und musste einfach bleiben.
Ich hatte mich entschieden Endlich.   - 23 -

Ich klingelte ein letztes Mal auf der "Geschlossenen",
packte meine Sachen und zog nach oben. Als ich das neue
Zimmer betrat, es war gerade Mittagsruhe, lagen dort
sechs Frauen, die schliefen bzw. ruhten. Verheult und
entnervt stellte ich mich kurz vor und räumte meine
Sachen ein. Ich hatte einen Schrank für mich allein. Das
Zimmer wirkte viel freundlicher als das vorige, und auch
der erste Eindruck von meinen Mitpatientinnen war viel
ermutigender. Es waren Frauen wie ich. Auch sie waren
nervlich am Ende. Sie hatten ein ähnliches Krankheitsbild
wie ich selber. Deshalb war ich schon nicht mehr so
unglücklich wie vorher.

Kurze Zeit später wurde ich zum Chefarzt gerufen. Wir
unterhielten uns über meine Erkrankung, ich bekam einen
Therapieplan und wurde mit Medikamenten eingestuft.
Endlich erfuhr ich nun richtig, wie man aus ärztlicher
Sicht meine Krankheit und die verschiedenen Symptome,
die sich bei mir zeigten, einschätzt und bezeichnet: Ich
litt unter dem Paniksyndrom, einer spezifischen Form
der Angststörung , und Depressionen. Meine
Schlaflosigkeit und meine unerträglichen körperlichen
Symptome hatten also psychische Ursachen. Was für
eine Odyssee! Mein Krankheitsverlauf begann im Januar
2003, zog sich zunächst bis Oktober 2003 hin und wurde
erst hier in Uchtspringe richtig erkannt und eingeordnet. - 24 –
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.

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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #31 am: 04. Februar 2016, 10:39:22 »
„Wege aus meiner Angst“ von Bärbel Köthke -

Aufenthalt in der Klinik für Psychiatrie/Psychotherapie
des SALUS-Fachkrankenhauses Uchtspringe
- Teil II -


Ich war nun auf der richtigen Station. Endlich! Ich kann
kaum beschreiben, was das für ein Gefühl war. Ich weinte
zwar noch, aber das lag einfach an meinem zerrütteten
Gemütszustand. Ich konnte es kaum glauben, dass ich von
der "geschlossenen Psychiatrie" in die "offene"
aufgenommen worden war. Diese Tage haben mich sehr
geprägt und werden unvergessen bleiben. Heute weiß ich,
wie wichtig es für mich war, dort eingeliefert zu werden.
Alle sechs Frauen in dem Zimmer kamen auf mich zu,
drückten und umarmten mich. Ich spürte Geborgenheit
und es tat mir einfach gut, bei ihnen zu sein. Sie machten
mir Mut und erzählten, dass auch sie fast alle an
ähnlichen Problemen leiden. "Du wirst sehen, hier wird dir
geholfen!". Wir waren von Anfang an gleich per "Du", denn
wir saßen ja alle im gleichen Boot.

Ich legte mich dann auf mein Bett und ließ alles noch
einmal Revue passieren. Meine Gedanken waren zu Hause
bei meinem Mann und bei meiner gesamten Familie.
Es war kaum fassbar für mich, als der Chefarzt mir
sagte, dass ich morgen - es war Freitag, also zum
Wochenende - nach Hause fahren dürfe. Am
Sonntagabend sollte ich mich wieder in der Klinik
einfinden. Mein Mann rief am Nachmittag gleich noch
einmal an und war auch erleichtert, als ich ihm erzählte,
dass mir der Aufenthalt hier oben gut tue und ich am
Nachmittag schon die erste Therapie habe. Er freute
sich und wollte Samstag um 8:30 Uhr in Uchtspringe sein,
um mich zum Wochenendbesuch abzuholen.  - 25 –

Immer freitags am Nachmittag war Gruppentherapie.
Das bedeutete für die Patienten, Belange und Sorgen
sowie Hinweise und Anregungen an die Schwestern der
Station weiterzugeben. Ebenfalls stellte sich jeder
Neuankömmling vor. Heute war ich also an der Reihe. Ich
nannte Alter, Beruf, Familiensituation und erklärte,
warum ich hier bin. Es fiel mir sehr schwer, da ich auch
berichtete, dass ich ein paar Tage auf der geschlossenen
Abteilung verbringen musste. Ich merkte, dass diese
Tage mich doch mehr mitgenommen hatten, als ich
zunächst annahm, denn ich weinte viel beim Erzählen. Mir
war ganz übel und ich schwitzte wieder fürchterlich.
Nach meiner Vorstellung sagten zwei andere Patienten,
dass es ihnen ähnlich wie mir ergangen sei. Sie beruhigten
mich alle, egal ob Mann oder Frau. "Du bist jetzt hier bei
uns und wir schaffen es alle gemeinsam!"

Danach gingen wir zurück auf unsere Station. Wir
brauchten nicht zu klingeln, denn die Tür war offen und
wir konnten hineingehen, einfach so. Unvorstellbar! Wir
zogen uns an und gingen spazieren. Es war ein schöner
Herbsttag.
Ilona, eine ehemalige Krankenschwester, und Marina
nahmen mich in die Mitte und wir genossen die Zeit an der
frischen Luft. Wir redeten nicht viel, aber mir tat diese
Nähe der bei den Mitpatientinnen gut. Wir freuten uns
alle auf das Wochenende, es war meine erste Heimfahrt.
Kurz vor 18:00 Uhr waren wir wieder auf der Station, die - 26 -
Patienten hatten tischweise das Abendbrot auszuteilen,
welches die Schwestern am Nachmittag liebevoll
vorbereitet hatten. Ich dachte, ich wäre in einem Hotel,
so toll sah alles aus und so gut hat es auch täglich
geschmeckt. Jedes Mal gab es dann nach dem Essen die
Tabletten zur Einnahme. Das Geschirr wurde dann auf
den Wagen gestellt und der Tischdienst brachte alles in
die Küche, räumte den Geschirrspüler ein, wischte die
Tische ab und legte die Decken wieder auf. Danach war
Freizeit, Gelegenheit für Rommé, Scrabble und andere
Tischspiele.

Wir aus unserem Zimmer blieben meistens zusammen im
Raum und erzählten, weinten oder lachten zusammen.
Dieses Miteinander war unheimlich bestärkend und
ermutigend, denn jeder von uns hatte Vertrauen zum
Anderen. Mir hat später mal jemand gesagt, dass es bei
einem Aufenthalt im Fachkrankenhaus praktisch keine
therapiefreie Zeit gibt, dass alles zur Behandlung gehört
und auch die Wochenendbeurlaubungen einen
therapeutischen Sinn haben. Ich kann das auf jeden Fall
bestätigen, denn es waren keineswegs nur die Stunden
mit den Therapeuten, die mir bei der Gesundung geholfen
haben. Wir Patienten konnten uns auch untereinander
sehr viel geben, uns gegenseitig bestärken und erfreuen.
Wir waren von Anfang an wie eine große Familie. Abends
lag auf jedem Nachtisch oder auf dem Kopfkissen eine
kleine Süßigkeit. Wir haben uns beim Beschenken immer
abgewechselt, sodass jeder gern für den anderen etwas - 27 –
hinlegte. Unser kleines Bad mit Dusche und WC war
ausreichend für uns und meistens duschten wir sehr
zeitig, damit keine Hektik auftrat. Jeder hatte genug
Zeit, um sich zu duschen, sich zu pflegen und um über
seine Probleme zu reden.
Um 21:00 Uhr gab es dann die Tabletten zur Nacht. Ich
bekam eine Schlaftablette und ein Antidepressivum. Das
war gut für mich und vor dem Einschlafen quälten mich
keine schlechten Gedanken mehr.

Ich war sehr aufgeregt, denn morgen war die erste
Heimfahrt. Ein paar Sachen hatte ich zusammengepackt,
und nach dem Frühstück ging es also nach Hause zu
meinen Mann. Ich hatte die erste Nacht dort oben wie ein
Stein geschlafen. Um 7:00 Uhr hieß es am Samstag
aufstehen. Die Schwestern weckten uns, dann ging es ins
Bad und zum Frühstück. Unsere Tablettenbox für zu
Hause war schon bereitgestellt. Es war ganz wichtig,
auch zu Hause die Medikamente richtig einzunehmen und
die fachärztlichen Verhaltenshinweise zu beachten.
Sonntag, sollten wir bis 19:00 Uhr wieder zurück sein.
Nach dem Frühstück verabschiedeten wir uns alle und
auch von den Schwestern. Es ging also nach Hause.

Ich hatte ein seltsames Gefühl, denn das Schwitzen, die
Angst, der Durchfall meldeten sich wieder. Das war wohl
die Ungewissheit, werde ich es zu Hause aushalten oder
muss mein Mann mich vielleicht vorzeitig in die Klinik
zurückbringen? Ich verdrängte diese Gedanken etwas, - 28 -
als mich mein Mann in die Arme nahm. Es war so, als
hätten wir uns sehr lange nicht gesehen. Dabei waren es
ja nur fünf Tage, die ich nicht zu Hause war.
Meine Panikattacken mit Symptomen wie Schwitzen,
Durchfall, Übelkeit und Angst traten natürlich auf. Aber
es war anders als vorher, denn ich wusste ja, morgen
Abend bin ich wieder in Uchtspringe. Ich telefonierte
mit den Kindern. Sie waren jetzt auch beruhigt,
wünschten mir von Herzen alles Liebe und gute
Besserung.
Mein Mann hatte zu Hause alles erledigt, gewaschen,
eingekauft. Ich ordnete meine mitgebrachten Sachen
und kochte für uns. Das hat mir schon gereicht. Ich war
danach völlig erschöpft und musste mich hinlegen.
Besuche wurden alle abgesagt, denn ich brauchte
wirklich Ruhe.

Lautes Erzählen strengte mich sehr an, aber auch das
Zuhören. Ich konnte mich nur schlecht konzentrieren
und dachte sofort an den Lärmpegel im Hort: 80 Kinder
und dann diese Lautstärke! Das werde ich niemals wieder
schaffen, mit 25 Kindern gleichzeitig zu arbeiten. So wie
im Moment die Umstände waren, bekam ich panische
Angst bei dieser Vorstellung. Ich durfte gar nicht an die
Arbeit denken. Sofort fing ich an zu weinen.
Sonntagabend um 18:30 Uhr fuhren wir wieder nach
Uchtspringe, in mein zweites Zuhause. Im Moment stand - 29 –
dieses Zuhause sogar an erster Stelle. Ich freute mich,
denn ich war wieder behütet und mit den Patientinnen in
meinem Zimmer verstand ich mich sehr gut. Kurz gesagt:
Ich war froh, wieder dort zu sein. Meinem Mann war es
anfangs sonderbar zumute, aber er spürte, dass ich mich
in Uchtspringe gut aufgehoben fühlte.

Die Schwester begrüßte uns freundlich und fragte, wie
uns das Wochenende bekommen wäre. Wir plauderten ein
wenig, dann ging es ins Zimmer. Einige waren schon
anwesend und der Rest fand sich dann auch ein. Wir
umarmten und herzten uns, beschenkten uns mit
Aufmerksamkeiten. Jeder hatte für jeden etwas
mitgebracht und es wurde aufs Bett gelegt. Manchmal
war es wirklich wie Weihnachten. Kleidungsstücke,
Bücher, Glocken (sie wussten, dass ich diese sammle)
lagen gelegentlich auf meinem Bett. Wir freuten uns,
dass wir uns wiederhatten. Es war von Anfang an ein sehr
inniges Verhältnis, besonders zu zwei Patientinnen,
Marina und Ilona.
Am Montag ging es dann laut Therapieplan zu den ärztlich
verordneten Behandlungen. Vorher musste ich einige
Untersuchungen über mich ergehen lassen, wie z.B. EEG
und EKG. Die Tagesabläufe waren gut strukturiert: Nach
dem Wecken um 6:30 Uhr ging ich zum Waschen, dann
zum Frühsport und anschließend zum Frühstück. Gegen
8:00 Uhr saßen wir alle an einem großen Tisch im
Gruppenraum und hatten gemeinsam Visite. Dabei waren - 30 –
die Schwestern, der Oberarzt und der Psychologe. "Wie
geht es Ihnen? Gibt es Besonderheiten bei der
Tabletteneinnahme? Haben Sie besondere Wünsche?"
Wir waren wie eine große Familie, jeder brachte seine
Sorgen und Nöte vor, erzählte aber auch von seinen
positiven Erfolgen in der Gesprächsstunde.
Zwei Mal pro Woche war immer Einzelvisite. Montags
standen die Stationsschwester und unser Doktor für die
Gespräche zur Verfügung. Am Donnerstag waren
mehrere Ärzte, die Sozialarbeiterin, die Psychologin und
der Oberarzt oder auch noch die Oberärztin anwesend.

Ich hatte erst Hemmungen, vor so vielen Ärzten zu
sprechen, aber nach einigen Tagen hatte ich auch diese
Hürde überwunden und konnte reden, anfangs allerdings
nur unter Tränen. In der Schilderung meiner
Hilflosigkeit stand an erster Stelle, dass ich Angst
hatte, jemals wieder arbeiten zu müssen. Man
antwortete mir darauf: "Sie bleiben erst einmal hier und
nehmen an allen Therapien teil. Sie werden sehen, es
dauert zwar lange, aber Sie schaffen es. Setzen Sie sich
nicht unter Druck. Im Moment ist es für Sie auf keinen
Fall möglich zu arbeiten. Sie müssen Geduld haben, dann
wird es Ihnen bald auch besser gehen."
Wie lange ich bleiben müsste, konnte man mir nicht
sagen. Der Erkrankungsverlauf sei bei jedem Patienten
verschieden, erklärte der Arzt und machte mir deutlich,
dass ich mich nicht schon wieder selber unter Druck  - 31 –
setzen dürfe. Ich konnte also nur abwarten und das tun,
was auf meinem Therapieplan stand.
Das Gute in dieser Station war unter anderem, dass
unser Arzt auch außerhalb der Visite immer ein offenes
Ohr für uns hatte. Er war jederzeit für uns da. Das war
ein beruhigendes Gefühl. Man konnte erzählen, er hörte
uns zu, ließ uns ausreden und half immer, das jeweilige
Problem zu lösen.

Nun zu meinem Therapieplan. Den hatte unser Chefarzt
mit mir gemeinsam aufgestellt. Von Montag bis
Freitagvormittag hatten wir Ergotherapie. Eine sehr
nette, resolute Therapeutin führte uns in verschiedene
künstlerisch-gestaltende Techniken ein, wie z.B. Arbeit
mit dem Speckstein, Seidenmalerei, Arbeiten mit Perlen,
Stoffmalerei, Sticken, Häkeln, Patchwork, Tonarbeiten
und Arbeiten mit Stoff. Das Angebot war riesig. In einem
Gespräch fragte sie vorher, wofür wir uns interessieren.
Anfangs saß ich wie ein Häufchen Unglück auf meinem
Platz und zitterte nur. Es fiel mir schwer, überhaupt
etwas zu machen. Ich weinte wieder nur und konnte mich
kaum konzentrieren. Aber mit der Zeit wurde es besser.
Die Arbeit begann, mir Spaß zu machen. Mein erstes
Stück war ein kleines Kissen mit einem wunderschönen
Schmetterling in vielen bunten Farben. Nachdem die
Arbeit abgeschlossen war, sollte man sich dazu äußern,
die Fragen der Ergotherapeutin genau beantworten,
Emotionen und Gedanken. formulieren. Das fiel mir  - 32 –
zunächst sehr schwer, aber mit der Zeit gelang es mir
immer besser, diese Gespräche zur Bewertung meiner
Arbeit zu führen.

Beim autogenen Training hatte ich zunächst Schwierigkeiten,                                                                      mich zu konzentrieren bzw. zur Ruhe zu kommen.
Aber es dauerte nicht lange, da konnte ich richtig
abschalten und für einen Moment auch schlafen. Später
war ich so geübt, dass ich den Auftrag von unserem
Psychologen bekam, das autogene Training selbst zu
leiten. Er war natürlich dabei. Ich bekam ein dickes Lob
und war mächtig stolz. Das hat mein Selbstwertgefühl
außerordentlich gehoben.
Um körperlich wieder fit zu werden, hatte ich zweimal in
der Woche Sport. Es wurden Spiele durchgeführt, die
zur Gemeinsamkeit beitrugen. In der anderen
Sporttherapie wurde mehr Wert auf körperlich-
gymnastische Übungen gelegt. Das war sehr
anstrengend, aber es tat auch gut.

Zweimal in der Woche waren wir musisch tätig. Wir
konnten viele neue, uns zum Teil unbekannte
Musikinstrumente ausprobieren. "Niemand macht etwas
falsch!" sagte die Therapeutin immer. Ohne Hemmungen
fingen wir also gemeinsam an. Meistens brachten wir
damit unsere Stimmung zum Ausdruck. Manchmal war sie
gut (dann war unsere Musik nicht so laut) und manchmal
spielten einige sehr aggressiv. Das tat nicht so gut. Das  - 33 -

Wichtigste dabei war auch die Auswertung, das
Gespräch danach. Warum habe ich dieses Instrument
gewählt, warum spiele ich es so? Wie reagiert mein
Gemüt? Reden, reden, reden, das war das Aller-
wichtigste. Danach ging es einem wirklich besser.
Am Freitag hatten wir dann noch einmal Musiktherapie.
Wir wurden aufs Wochenende eingestimmt. Aus einer
Mappe durften wir die Musiktitel vorschlagen und die
haben wir gemeinsam gesungen. Die Emotionen spielten
eine große Rolle dabei. Niemand wurde gezwungen.
Zuerst hatte ich Probleme, mit den vielen Patienten und
der Lautstärke beim Singen zurechtzukommen. Ich
bekam das große Zittern und Schwitzen, wäre am
liebsten weggelaufen. Einmal, gleich am Anfang dieser
Therapie, habe ich den Raum verlassen und bin zurück auf
die Station gegangen. Hier musste ich mich erst einmal
hinlegen. Da keiner im Zimmer war, hatte ich absolute
Ruhe und es ging mir bald wieder' besser. Ich dachte mir,
du kannst doch nicht jedes Mal davonlaufen. Bei der
Visite am Montag sprach ich mit meinem Arzt darüber. Er
sagte mir, dass mein Verhalten nicht hilfreich war - ich
hätte bei der· Therapie bleiben sollen. Sein Ratschlag
lautete: Die Attacken ausleben, damit ich erlebe und
spüre, dass mir nichts passiert. Ansonsten würde ich es
nie lernen, mit den Panikattacken umzugehen. Mein
Vermeidungsverhalten sei nicht richtig gewesen.
Erst jetzt wurde mir bewusst, wie lange ich schon unter
diesen Attacken litt. Immer, wenn ich in vergangenen  - 34 –
Jahren mit der Bahn zu meinen Enkelkindern nach Berlin
gefahren bin, überfielen mich Angst und Panik. Völlig
durchgeschwitzt kam ich am Bahnhof Zoo an. War ich aus
dem Zug und meine Tochter nahm mich in Empfang, war
lies gut und ich hatte keine Beschwerden mehr. Bei der
Rückfahrt von den Kindern war es meist noch schlimmer.
Ich stand oben auf dem Bahnsteig und hegte die
fürchterlichsten Gedanken. Zum Beispiel hatte ich
Furcht, es könnte mich jemand auf die Gleise schubsen.
Es war grausam für mich, auch wegen der vielen
Menschen, die mit der Bahn ankamen und wieder
fortfuhren. Immer wieder musste ich in solchen
Situationen die Toilette aufsuchen, da Magen und Darm
aufbegehrten. Wenn ich dann endlich im Zug auf der
Heimfahrt saß, war ich froh und glücklich. Alles war
wieder in Ordnung - scheinbar. Ich muss dazu sagen, dass
ich über diese Empfindungen damals nie gesprochen
habe.

Beim Fahrstuhlfahren plagte mich die unsägliche
Vorstellung, dass er stecken bleiben würde. Und diese
Enge darin quälte mich noch zusätzlich. Meine Kinder in
Berlin wohnen in einem Hochhaus. Wenn ich sie besuchte
und zum Beispiel den Hausmüll hinterbringen wollte,
nahm ich meistens meinen Enkel mit. Zu Fuß von der 10.
Etage war es schließlich zu weit. Ich hatte es zwar einige
Male getan, aber das war auf die Dauer keine Lösung. Die
Aufenthalte in dem Hochhaus waren also ganz schlimm - 35 -
für mich, und so erzählte ich auch den Therapeuten in
Uchtspringe davon. Sie sagten wiederum, dass auch hier
die Verweigerung falsch sei. Statt Schwierigkeiten zu
vermeiden, müsse ich die bewusste Auseinandersetzung
führen. Ich hatte also zu üben und mit dem Arzt darüber
zu reden, ob meine Versuche gelungen waren.

Während eines Gaststättenbesuchs mit meinen
Mitpatientinnen in Uchtspringe hatte ich ebenfalls ein
entsetzliches Erlebnis. Der Gastraum war nicht
besonders groß, aber es saßen sehr viele Menschen zur
Kaffeezeit darin. Schon als wir alle hereinkamen,
empfand ich diese Enge und Lautstärke als bedrückend.
Ich wäre am liebsten gleich wieder zurückgegangen.
Aber ich traute mich nicht. Es sollte auch keiner merken,
wie ängstlich ich war. Aber nach ungefähr zehn Minuten
hielt ich es nicht - mehr aus. Ich war völlig durch-
geschwitzt, mir war übel und ich konnte mich an keinem
Gespräch beteiligen. Ich ging an den Tresen, bezahlte
meinen Kaffee und verschwand. Draußen an der frischen
Luft ging es bald wieder besser. Später erzählte ich den
anderen, wie es mir in der Gaststätte ergangen und
warum ich aufgestanden war.

Es kamen schon eine Menge Dinge zusammen, die mir ein
normales Leben außerordentlich erschwerten. Ich
bekam die Aufgabe, Gaststättenbesuche zu üben und auf
keinen Fall vorzeitig abzubrechen. Das gleiche galt für - 36 –
das Zug- und Fahrstuhlfahren. Heute weiß ich, wie
wichtig es war, diese Verhaltensweisen zu üben und
durchzustehen, denn sonst hätte ich es nicht geschafft.
hierbei halfen mir die Entspannungstechniken, die ich in
en Therapiestunden gelernt hatte. Jeder kleinste
Erfolg war wichtig, um nicht aufzugeben. In Gesprächen
stellte sich dann heraus, dass es vielen anderen
Menschen auch so geht. Sie sprechen nicht darüber, und
das ist das Schlimmste. Mein Mann hat mir am
Wochenende bei solchen Übungen sehr geholfen, auch er
war froh und glücklich, wenn sich kleine Erfolge
einstellten. Nicht zu vergessen war und ist auf jeden Fall
die richtige Einnahme von Medikamenten, die mir
verordnet wurden. Ohne sie wäre alles nicht möglich.
Auch in diesem Punkt herrscht, wie ich erfahren habe,
viel Unkenntnis. Manche Leute vermuten immer noch, in
der Psychiatrie werde man mit "Psychopharmaka
vollgepumpt" und davon abhängig. Das ist natürlich
Unfug, denn für viele Patienten sind zum Beispiel die
modernen Antidepressiva ein Segen. Und abhängig wird
man davon auch nicht, ganz anders als bei den
Beruhigungsmitteln, die manchmal unkontrolliert über
Jahre geschluckt werden, ohne dass den Betroffenen
damit wirklich geholfen ist. Man kann nur jedem raten,
sich rechtzeitig in eine fachärztliche, also
psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung zu
begeben.  – 37 -
« Letzte Änderung: 04. Februar 2016, 10:43:34 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.

Offline RalleGA

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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #32 am: 05. Februar 2016, 10:52:26 »
„Wege aus meiner Angst“ von Bärbel Köthke -

Aufenthalt in der Klinik für Psychiatrie/Psychotherapie
des SALUS-Fachkrankenhauses Uchtspringe
- Teil III -


Zurück zu meiner Therapie:
Von Montag bis Donnerstag führten wir unsere
gemeinsamen Gesprächstherapien mit Arzt/Patienten
und Psychologe/Patienten durch. Wichtig war von Anfang
an, sich in dieser Runde wohl zu fühlen, anerkannt und
verstanden zu werden. Die emotionale Wärme stand bei
diesen Gesprächstherapien im Vordergrund. Wir waren
gleichgesinnt. Wir alle wollten unsere Lebenssituation
verbessern, Beziehungen aufbauen und vertiefen,
Schwierigkeiten zusammen meistern, Informationen
weitergeben, dabei Lösungen entwickeln und entdecken,
Erkenntnisse austauschen, gleichberechtigt miteinander
umgehen, uns gegenseitig unterstützen und beraten. Nur
so konnten wir unsere Probleme selbst in den Griff
bekommen und unsere Persönlichkeit langsam wieder
stärken.

Diese Gesprächstherapien haben mir sehr gut getan.
Auch das Vertrauen zu unserem Arzt und den
Psychologen wurden dadurch immer intensiver. Ich fühlte
mich, als wäre ich in einer großen Familie. Aber bis dahin
waren einige Wochen vergangen.
Freitags traf sich die Gruppe ohne Therapeuten, um
Probleme zu besprechen, die zum Beispiel den
Tischdienst oder ähnlich alltagspraktische Dinge
betrafen. Lösungen gab es immer, oft entwickelte sich
auch ein reger Austausch zu Themen und Erfahrungen,
die uns gerade bewegten. - 38 -

Anregungen für die Gesprächstherapie gab es weiterhin
durch Literatur, die wir diskutierten und auswerteten.
In diesen Publikationen wurden unsere Krankheitsbilder,
wie Depressionen, Angststörungen und Panikattacken,
allgemeinverständlich beschrieben und erläutert, wie
wichtig der richtige Umgang damit für unsere
Angehörigen ist. Es war auch notwendig, diese
Ratschläge an unsere Familienmitglieder weiterzugeben.
Sie sahen dann unser Leiden mit ganz anderen Augen.
einem Mann ging es ähnlich, denn auch er konnte
anfangs mit dieser Krankheit nicht richtig umgehen und
war dankbar, als er darüber lesen konnte und viele
Hinweise in die Hand bekam.

Mein Sohn reiste aus Frankfurt an, um zu sehen, ob es mir
schon besser geht. Er war auch froh, dass ich von so
liebevollen Mitmenschen umgeben war, von hervor-
ragenden Ärzten, Therapeuten und Schwestern
behandelt wurde. Drei Tage blieb er zu Hause und
besuchte mich täglich. Ich war sehr glücklich, ihn in die
Arme schließen zu können. Ein Foto von ihm stand auf
meinem Nachtschrank und auch die Bilder von meinen
anderen Lieben. Er musste wieder zurück nach
Frankfurt/ Main und der Abschied kam. Ich wusste, dass
er sich nun überzeugt hatte, dass ich hier am richtigen
Ort war. Er konnte beruhigt heimfahren. Telefonisch
lieben wir immer in Verbindung, auch das half mir sehr. - 39 -

Es waren nun schon einige Wochen vergangen, seit ich in
die Klinik eingeliefert worden war. Die Schwestern
schmückten die Räume vorweihnachtlich-festlich aus.
Wunderschöne Gestecke, Adventskränze und niedliche
kleine Weihnachtsfiguren verschönten unsere
Umgebung. Es sah überall sehr weihnachtlich aus. Wir
fühlten uns geborgen und heimisch auf unserer Station.
Auf den Nachtschränken im Zimmer standen kleine
Weihnachtsmänner und Schutzengel. Von meinem Mann
bekam ich einen wunderschönen vorweihnachtlichen
Strauß. Ich freute mich riesig.

Im Zimmer überlegten wir, ob es vielleicht möglich wäre,
zum 1. Advent eine gemeinsame Weihnachtsfeier
durchzuführen, fragten unseren Arzt und die
Stationsschwester danach. Wir bekamen die Erlaubnis
und setzten uns zusammen, um zu beraten, wie diese
Feier ablaufen könnte. Unsere Männer auf der Station
waren ebenfalls von dieser Idee begeistert und sagten
ihre Unterstützung zu. Wir besprachen den Ablauf und
legten die Verantwortlichkeiten fest. Am Vortag des 1.
Advent brachten wir alles Nötige mit und trafen uns
bereits um 18:00 statt um 20:00 Uhr. Wir schmückten
unsere Weihnachtstafel mit Tannengrün, Lichtern,
hübschen Weihnachtsservietten und bunten Tellern. Ein
Programm hatten wir auch vorbereitet. Auf dem
Keyboard wurden Weihnachtslieder gespielt und alle
sangen mit. Gedichte wurden aufgesagt und wir stießen  - 40 -
mit Bowle an. Sie bestand aus Früchten und Obstsäften
und schmeckte uns allen. Bis 21:00 Uhr durften wir
feiern. Alle waren begeistert, auch unsere Schwester.
Sie staunte über die umsichtige Vorbereitung und fand
unser Programm sehr schön. Wir waren stolz darüber,
dass uns die Adventsfeier so gut gelungen war. Wichtig
war für uns, dass wir dieses Fest gemeinsam vorbereitet
hatten. Das schmiedete uns noch mehr zusammen. Diese
und andere Unternehmungen haben mit dazu
beigetragen, unseren Gesundheitszustand zu verbessern
unser Selbstwertgefühllangsam wieder aufzubauen.

Es kam die Zeit, dass einige aus unserer Gruppe
entlassen werden konnten. Der Abschied fiel uns
schwer. Neue Patienten zogen zu uns ins Zimmer. Sie
wurden von uns sehr herzlich aufgenommen, denn auch
sie sollten sich von Anfang an verstanden und geborgen
fühlen.

Kurz vor meiner Entlassung kam auch meine Tochter aus
Berlin und holte mich mit meinem Mann zum
Wochenendbesuch ab. Ich war stolz, vor ihr zu stehen,
weil es mir wirklich viel, viel besser ging. Sie konnte sich
davon überzeugen und war nun auch beruhigt. Sie hatte
ich kurz vor der Einlieferung in die Klinik gesehen und
konnte den Unterschied genau erkennen.
Wir hatten schöne Stunden zu Hause, und am Sonntag
konnte ich sogar im Auto mitfahren, um sie zum Zug nach - 41 –
Stendal zu bringen. Ich war zwar etwas aufgeregt, aber                                             
es verlief alles ohne Komplikationen.
Mein Entlassungstermin wurde ins Auge gefasst. Ehrlich
gesagt, fürchtete ich mich etwas davor. Meine Bedenken
lagen darin, ob ich mein Leben aus eigener Kraft und ohne
Angst gestalten kann. Meine Sozialarbeiterin hatte sich
dafür eingesetzt, dass ich nach sechs Wochen
Tagesklinik das Hamburger Modell nutzen durfte. Mein
Betrieb. die Stadt Gardelegen, hielt auch dieses Modell
zur Eingliederung für mich bereit. Ich brauchte mich um
nichts zu kümmern, das erledigte alles die Sozial-
arbeiterin. Aber dennoch plagten mich Bedenken. Wenn
ich nur daran dachte, wieder mit den Kindern im Hort zu
arbeiten, stellten sich sämtliche-Ängste wie früher ein.

Der Tag meiner Entlassung rückte näher und ich wurde
immer unruhiger, weil ich Angst hatte, dieses Nest der
Geborgenheit zu verlassen. Hier war ich doch für viele
Wochen behütet und beschützt! Es war mein Zuhause
geworden, und gerade deshalb musste ich jetzt
aufpassen, dass ich zur rechten Zeit den Absprung in
mein eignes - ungeschütztes - Leben nicht verpasse. Von
unserer alten Gruppe, mit er ich von Anfang an zusammen
war, waren die meisten schon entlassen, nun kam für
mich die letzte große Visite, der entscheidendste und
wichtigste Tag, seit ich in Uchtspringe war. Ich ging mit
Herzklopfen in diese "große Visite". Es wurde schließlich  - 42 -
ein ergebnisreiches Gespräch zwischen den Ärzten,
Schwestern, der Sozialarbeiterin, den Psychologen und
mir, denn sie alle bezeugten mir, welche Fortschritte ich
erreicht hatte. Außerdem brauchte ich ja noch nicht
ganz loszulassen, da mir der Aufenthalt in der
Tagesklinik für sechs Wochen empfohlen worden war.
Also blieben mir meine vertrauten Bezugspersonen - und
das war sehr beruhigend für mich - noch einige Zeit
Iten. Ich hatte nicht das Gefühl, plötzlich völlig
allein zu sein und alles abgebrochen zu haben. Außerdem
konnte ich mich bei meinem Doktor weiter ambulant
behandeln lassen. Das war und ist bis heute für mich ganz wichtig.

Nach der Visite rief ich meinen Mann und meine Familie
an, um ihnen von meiner Entlassung zu erzählen. Sie
freuten sich riesig und sagten mir, dass sie sehr stolz auf
mich sind, weil ich durchgehalten und alles  tapfer
geschafft hatte.
 
Meine Mitbetroffenen freuten sich mit mir und es
flossen natürlich Freudentränen. Wir tauschten unsere
Adressen aus, um in Verbindung zu bleiben. Am
Nachmittag wurde ich zu meinem behandelnden Arzt
gerufen, um das Abschlussgespräch zu führen. Ich
bekam Verhaltenshinweise, meine Tablettenaufstellung
und die verbindliche Zusage für eine sechswöchige
Weiterbehandlung in der Tagesklinik. Er gab mir auch zu - 43 -
verstehen, dass er für mich immer da ist, sobald
Probleme auftreten. Mir vermittelte sich wieder das
vertraute Gefühl, das ich während meines
Klinikaufenthaltes so schätzen gelernt hatte. Er war da
und das tat gut.

Nun waren alle Unklarheiten beseitigt. Am nächsten
Morgen kam mein Mann und holte mich (für ihn endgültig)
nach Hause. Ich verabschiedete mich von den
Schwestern, bedankte mich für die wunderbare Pflege
und die Behandlung auf der Station. Es flossen wiederum
ein paar Tränen so ist es eben, wenn man nach langer Zeit
ein vertraut gewordenes, liebevolles Umfeld verlässt.
Von den Mitpatienten fiel mir der Abschied noch
schwerer, da wir ja alle gemeinsam viele schwere, aber
auch viele schöne Stunden miteinander verbracht
hatten. Oft genug hatten wir zusammen geweint und
gelacht, uns gegenseitig therapiert. Durch unsere
Gespräche gestalteten wir uns selbst ein Klima
emotionaler Wärme. Wir wünschten uns alles Liebe und
vor allem Gesundheit, schnell wurde sich noch umarmt
und geküsst...

Dann war mein Mann da und ab ging es nach Hause.
Gerührt vom Abschied konnte ich auf der Heimfahrt
kaum reden. Aber als ich dann zu Hause war, wurde ich
lockerer, umarmte und küsste meinen Mann von Herzen
und sagte "Danke für alles, dass du immer zu mir gehalten - 44 -
hast und für mich da warst." (Ich wusste aus Erfahrung
von Mitpatientinnen, dass das nicht überall so war). Seine
Psyche hatte ebenso unter den Ereignissen gelitten,
doch nun war ich ja endlich wieder bei ihm. Ich rief
unsere Kinder an und teilte ihnen mit, dass ich wieder zu
Hause war und wir das Weihnachtsfest gemeinsam
verbringen werden. Die Freude war riesengroß. - 45 -      
« Letzte Änderung: 05. Februar 2016, 10:54:28 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.

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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #33 am: 06. Februar 2016, 09:29:02 »
„Wege aus meiner Angst“ von Bärbel Köthke –

Weiterbehandlung in der Tagesklinik


Kurz vor dem Weihnachtsfest 2003 begann für mich die
tagesklinische Weiterbehandlung. Das bedeutete, dass
ich alle Therapiestunden weiterführen durfte. Morgens
um 8:00 Uhr war ich pünktlich auf der Station, um auch an
der täglichen Visite teilnehmen zu können. Ich stellte
fest, dass kaum noch bekannt-vertraute Gesichter
ehemaliger Mitpatienten zu finden waren. Alle waren
längst entlassen und nahmen nicht die Möglichkeit wahr,
die Tagesklinik zu nutzen. Ich wollte es und folgte gern
der Empfehlung meines Arztes, um nicht von einem Tag
auf den anderen die Verbindung zu lösen, denn ich
glaubte, dass es mir gut tun würde, wenn ich mich langsam
von der Klinik entferne. Jeden Morgen erschien ich und
blieb bis nachmittags um 16:15 Uhr. Das war natürlich
sehr anstrengend für mich, aber ich wusste, wofür ich es tat.

Meine Ergotherapeutin, zu der ich ein großes
Vertrauensverhältnis entwickelt hatte, fand den
Aufenthalt in der Tagesklinik auch sehr wichtig für mich,
um einen leichteren Einstieg ins Arbeitsleben zu finden.
Sie führte wertvolle und anregende Gespräche mit mir,
die mir Sicherheit bei der Erledigung meiner Aufgaben
vermittelten. Ihr habe ich es im Wesentlichen zu
verdanken, dass ich die Rückkehr in meinen Beruf schaffte.  - 46 -

Jeden Morgen bei Wind und Wetter, bei Schnee und Eis
fuhr mich mein Mann in die Tagesklinik, und die sechs
Wochen vergingen wie im Fluge.
Danach verabschiedete ich mich für immer aus der Klinik.
Alle Ärzte, Therapeuten und Schwestern wünschten mir
für den Wiedereinstieg ins Berufsleben alles Gute und
gaben zu verstehen, dass sie es mir zutrauen, denn ich
hätte mich sehr gut auf das normale Leben vorbereitet.
Mit meinem Arzt legten wir gemeinsam die Termine für
die ambulanten Gespräche fest. Wöchentlich fuhren
mein Mann und ich zu ihm, sprachen über die Arbeit im
Hort und wie ich das Leben bisher verkrafte. Langsam
wurde auch die Tablettendosis verändert, es wurden
weniger und schwächere Medikamente verabreicht. Die
Gespräche taten mir jedes Mal gut, und wir konnten
schon nach einiger Zeit die Abstände zwischen den
Arztbesuchen verlängern.  - 47 -        
« Letzte Änderung: 06. Februar 2016, 09:30:34 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.

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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #34 am: 07. Februar 2016, 11:03:54 »
„Wege aus meiner Angst“ von Bärbel Köthke –

Wiedereinstieg ins Berufsleben


Ich hatte den Absprung nach sechs Wochen Tagesklinik
gut verkraftet und konnte am 19. März 2004 mit dem
Hamburger Modell beginnen. Das bedeutet für mich,
vier Wochen verkürzt zu arbeiten, anfangs zwei Stunden
pro Tag, um bis zum Ende der Zeit Schrittweise volle
Stundenanzahl zu erreichen. Danach konnte ich wieder
voll arbeiten. Zunächst war es ungewohnt und etwas
schwierig, aber mit Hilfe meiner Kolleginnen habe ich es
geschafft. Ich hatte ein großes Ziel vor den Augen, denn ich
brauchte nur noch bis zum 3. März 2005 zu arbeiten, und
danach begann die Freistellungsphase meiner
Altersteilzeitvereinbarung.
Wenn ich abends nach Hause kam, war ich völlig fertig
und musste mich erst einmal hinlegen. Während meiner
Arbeitszeit kam es anfangs auch öfters vor, dass ich eine
halbe Rivotril zusätzlich nehmen musste, um innerlich
ruhiger zu werden. Ich merkte, dass ich schwitzte, das
war mir sehr unangenehm. Es dauerte also eine Weile, bis
ich wieder unbeschwert mit meinen Kindern arbeiten
konnte. Innerlich sah ich immer den 3. März 2005 vor
mir, und mein Wohlbefinden wurde Tag zu Tag besser.
    
Zwischendurch fuhr ich nach Uchtspringe zu ambulanten
Konsultationen bei meinem Arzt, der mich schon während 
des Klinikaufenthaltes behandelt hatte. - 48 -
Wir unterhielten uns u.a. über meine Arbeit und wie ich
es verkrafte, die an mich gestellten Forderungen zu
erfüllen. Wir konnten gemeinsam einschätzen, dass ich
große Fortschritte gemacht hatte. Auch die Schwestern
von der Station, die ich traf, freuten sich stets mit mir,
wenn wir uns über meinen Gesundheitszustand
austauschten. Soweit es die Zeit erlaubte, besuchte ich
meine Ergotherapeutin Schwester Käthe. Mit ihr
verbindet mich ein besonders inniges Verhältnis. Ich
hatte, bei ihr viel gelernt und die Gespräche mit ihr haben
mir außerordentlich gut getan. Zu ihr hatte ich von
Anfang an sehr engen Kontakt, weil ich spürte, dass sie
über ein großes Einfühlungsvermögen verfügt. Auch
heute gehe ich gerne bei ihr vorbei, wir plaudern ein
wenig und ich erzähle ihr, dass es mir wirklich gut geht
und was ich weiterhin vorhabe.

Inzwischen sind die Abstände zwischen den
Arztbesuchen viel größer und ich merke selbst, dass mein
Immunsystem stärker geworden ist. Ich hatte kaum
andere gesundheitliche Probleme, wie z.B. eine Erkältung
oder Ähnliches.

Im Sommer 2004 sind wir noch einmal zu Großeltern
geworden. Uns wurde eine kleine Enkeltochter Kim
geschenkt. Wir waren sehr glücklich darüber und
bekamen die schöne Aufgabe, sie hin und wieder
betreuen zu können. Es macht uns sehr glücklich zu
sehen, wie sie aufwächst. - 49 -

Gegen Ende des Jahres 2004 veränderte sich mein
Arbeitsfeld. Hinzu kam, dass wir für einige Stunden im
Kindergarten arbeiten mussten, um anschließend gleich
weiter im Hort die Kinder zu betreuen. Zunächst war es
sehr schwierig, beides zu bewältigen, und eine große
Umstellung für mich. Aber mit der Zeit meisterte ich
auch das. Es war eine dankbare Aufgabe. Die Erzieher im
Kindergarten waren nett und hilfsbereit, die "Kleinen"
waren sehr angetan von mir. So konnte ich in den letzten
Wochen meines 38jährigen Berufslebens sogar noch ein
neues Umfeld kennen lernen.

Die Wochen und Tage vergingen immer schneller. Ich
selbst konnte es kaum fassen, als sich der letzte
Arbeitstag näherte. Nicht nur ich freute mich riesig auf
die Arbeitsfreizeit, sondern die gesamte Familie.
Besonders mein Mann sehnte diesen Tag herbei.

Als ich so schwer erkrankte, hatte wohl niemand mehr
damit gerechnet, dass ich es bis hierher schaffen würde.
Dabei war es doch mein größter Wunsch, nach 38
Dienstjahren ordentlich aus meinem Berufsleben
auszuscheiden. Was heißt ordentlich? Ich wollte so
einigermaßen gesundheitlich wohlauf sein, um bis zum
Schluss meiner Arbeit alle an mich gestellten Aufgaben
wieder mit Freude und Elan zu meistern. Dies ist mir
gelungen, und darüber bin ich glücklich. Wesentlich
zu verdanken habe ich diese Entwicklung all jenen - 50 -
Ärzten, Psychologen, Schwestern, Musik-, Sport- und
Ergotherapeuten, Sozialarbeiten und anderen im
Fachkrankenhaus Uchtspringe tätigen Menschen, die
mich während meines Klinikaufenthaltes untersucht,
behandelt, begleitet, beraten, bestärkt, getröstet,
ermutigt und umsorgt haben.

Meinem Mann und unseren Kindern gilt auch ein großes
Dankeschön, denn sie waren alle da in der schwersten
Zeit meines Lebens und haben es verstanden, mit meinem
Krankheitsbild richtig umzugehen. Ohne sie hätte ich es
allein niemals geschafft. Ich muss immer an das Wort bei
den Eheschließungen denken "Haltet zusammen in guten
wie in schlechten Tagen". Durch meine Krankheit ist
unsere Familie noch enger zusammengerückt. Wir haben
zusammengehalten.

Am 3. März 2005, einem Donnerstag, war es dann endlich
soweit. Mit meinen Hortkindern hatte ich Kaffee getrunken
und Kuchen gegessen sowie ein nettes Abschiedsgespräch geführt.
Am Vormittag wurde ich von den Kollegen der Grundschule verabschiedet.
Ich hatte gar nicht damit gerechnet, es war sehr feierlich und
ging mir schon recht nahe.
Nachmittags kam der Bürgermeister mit einer Delegation,
die Kindergartenleiterin, der Hortelternrat.
Und mein Mann durfte natürlich nicht fehlen.  - 51 -

Eine Reporterin unserer Tageszeitung kam auf mich zu,
um einige Fragen zu stellen und machte auch einige Fotos
von der Verabschiedung. Am wichtigsten waren meine
Hortkinder. Sie hatten mich mit großer Sehnsucht
erwartet und trugen ein hübsches Programm vor. Unsere
Hortleiterin, der Elternrat und der Bürgermeister
fanden viele schöne Worte des Dankes und der
Anerkennung meiner Arbeit. Am Ende fand ich mich in
einem Meer von Blumen und Geschenken wieder. Ich
dachte, es wäre ein Traum. Nein, das war alles
meinetwegen. Kurz gesagt, es war ein heiterer Abschied
mit einigen Freudentränen. Mein Mann war sichtlich
gerührt und sagte nur: "Bärbel, das war einzigartig, das
hast du dir auch verdient."  - 52 -   
« Letzte Änderung: 07. Februar 2016, 11:06:53 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.

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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #35 am: 08. Februar 2016, 10:57:06 »
„Wege aus meiner Angst“ von Bärbel Köthke –

Wie ich mein Leben heute gestalte


Seitdem ich meine Altersfreizeit zu Hause genieße, kann
ich mich über Langeweile nicht beklagen. Bei einem
ambulanten Gespräch in Uchtspringe fragte mein Arzt,
ob ich nicht eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit
Pani k-. Angst- und Depressionserfahrungen in
Gardelegen gründen möchte. "Ich traue Ihnen zu,
anderen, die Ebensolches durchgemacht haben wie Sie,
zu helfen. Sie sind gesundheitlich dazu in der Lage und
haben viele Erfahrungen."
Ich brauchte gar nicht lange zu überlegen und sagte Zu.
Er gab mir gleich Hinweise, an wen ich mich wenden
musste. Also griff ich den Vorschlag auf und organisierte
alle notwendigen Wege. Am 4. April 2005 traf sich
unsere Selbsthilfegruppe das erste Mal. Ich hatte mich
sehr gut vorbereitet und war entschlossen, mich voh
Anfang an sehr offen in die neue Aufgabe einzubringen.
Erstaunt war ich, dass zum ersten Termin gleich zwölf
Betroffene erschienen. Im Verlauf des Nachmittags
spürte ich, dass mich alle gut annehmen konnten. Ich bin
auf die Menschen zugegangen, habe erst über meinen
Krankheitsverlauf gesprochen, damit sie alle wussten,
dass ich eine von ihnen bin. Beim Verabschieden spürten
wir Erleichterung und freuten uns auf die nächst,
Zusammenkunft.
Die verantwortungsvolle Aufgabe als Gruppenleiterin
bereitete mir also von Anfang an viel Freude. Ich kann in - 53 -                                              
den Sitzungen aufzeigen, wie ich es geschafft habe, aus
dieser Krankheit herauszukommen und bin manchmal
selbst überrascht, wie offen und unbefangen ich heute
damit umgehe. Inzwischen gehören zu unserer
Selbsthilfegruppe schon rund 30 Betroffene aus der
Stadt Gardelegen und Umgebung, gemischt im Alter von
30 bis 80 Jahren. Wir haben bereits viele schöne
Veranstaltungen gemeinsam geplant und erlebt, zum
Beispiel Exkursionen, Basteln zum Weihnachtsfest,
Vorträge von verschiedenen Institutionen, eine
Winterwanderung mit anschließendem Grillen oder
sportliche Veranstaltungen wie Kegeln usw. Zahlreiche
Teilnehmer sind wie ich mit Leib und Seele dabei,
übernehmen gern auch organisatorische Aufgaben und
entwickeln eigene Ideen für unsere Gruppenarbeit.
Besonders wichtig sind uns natürlich die Gespräche zu
unseren krankheitsbedingten Problemen und
Erfahrungen in Familie und Beruf. Dabei erweist sich der
Austausch und Kontakt mit Experten als sinnvolle
Ergänzung. So haben wir u.a. das Fachkrankenhaus
Uchtspringe besucht und den Oberarzt der Station, auf
der Depressionen, Angst- und Panikstörungen behandelt
werden, als Gast in unserer Grupp begrüßen können.
Einige persönliche Unterredungen gibt es hin und wieder
auch bei mir zu Hause, insbesondere dann, wenn sich
jemand erst einmal unter vier Augen verständigen und
informieren möchte. Ich kann dann zum  Beispiel die -54 - 
Gewissheit vermitteln, dass in unserer Selbsthilfe-
gruppe alle Mitglieder gleichberechtigt sind und dass wir
fest vereinbart haben, die Inhalte unserer Gespräche
absolut vertraulich zu behandeln. Wir treffen in offener
Sitzordnung zusammen, lassen einander ausreden und
hören zu, wir akzeptieren die Eigenständigkeit des
Einzelnen. Mit diesen einleuchtenden Regularien ist es
möglich, eine verlässliche Atmosphäre zu entwickeln und
sich gegenseitig emotional unterstützen.
Zu Beginn jeder Veranstaltung reichen wir uns alle die
Hände. Das bedeutet für uns Verbundenheit,
Einfühlsamkeit und Vertrauen: Gemeinsam lassen sich
viele Probleme lösen, gerade dann, wenn man Gleiches
oder Ähnliches erlebt hat!
Im Jahr 2006 wird unsere Selbsthilfegruppenarbeit
erstmals auch finanziell unterstützt, bis dahin sind wir
für alle Aufwendungen selbst aufgekommen. Wir freuen
uns über jeden noch so kleinen Beitrag von
Krankenkassen und anderen Institutionen, die uns helfen
wollen. Übrigens: In einer gemeinsamen Beratung haben
wir uns kürzlich entschlossen, unsere Selbsthilfegrupp
fortan "Wege aus der Angst" zu nennen so wie dieses
Büchlein. Das gefällt uns besser als die Benennung nach
bestimmten Diagnosen, die man allumfassend ohnehin
nicht in einem Namen erfassen kann, denn: Jede r hat sein
eigenes Schicksal, seine eigene Erkrankung. Vor allem
wollen wir ja auch Menschen ermutigen, die ihren Weg - 55 -
zur Hilfe erst noch finden müssen und die
fachspezifischen Bezeichnungen für ihre Angst
vielleicht noch gar nicht kennen...

Über meine erfüllende ehrenamtliche Arbeit hinaus kann
ich das Leben auch in vielen anderen Bereichen wieder
richtig genießen:
Einmal wöchentlich haben wir die schöne Aufgabe, unser
Enkelkind zu betreuen. Wir haben einen Oma-Opa- Tag
eingerichtet. Mit viel Freude sind wir dabei. Es ist
wichtig zu wissen, dass wir gebraucht werden.
Außerdem besuche ich monatlich einmal einen
Töpferkurs, um schöpferisch tätig zu sein und mit
anderen Mitmenschen Kontakt zu halten.

Ganz wichtig sind auch unsere Berliner. Gott sei Dank,
dass ich auch hier noch gebraucht werde. Die
Enkelkinder zwei liebe Jungs - sind zwar schon größer,
lassen sich aber trotzdem gern mal von ihrer Oma
verwöhnen. Auch hier haben wir in inniges Verhältnis
und freuen uns jedes Mal auf ein Wiedersehen. Zu
unserem Sohn und unserer Schwiegertochter werden wir
nach ihrer Bauzeit öfter fahren. Sie wohnen bei Koblenz.
Und da mein Mann und ich nicht mehr berufstätig sind,
ist das kein Problem, unsere großen Kinder freuen sich,
wenn wir kommen.
Ebenfalls halte ich den Kontakt zu meine ehemaligen
Kolleginnen im Hort und zu meinen lieben Hortkindern. Es
ist immer schön, für einige Stunden unter Ihnen zu sein.
Um körperlich fit zu bleiben, treibe ich mit  meinem Mann - 56 -
ein wenig Sport, d.h. wir fahren mit dem Rad, schwimmen
und walken zweimal in der Woche. Gemeinsam macht das
großen Spaß.
Alles in allem kann ich mich also über Langeweile nicht
beklagen. Und so soll es auch sein. Also kann ich sagen, ich
habe viel Abwechslung und gebe meine Kraft und Liebe
auch wieder weiter an meine Familie und Mitmenschen.
Das ist aber nur möglich geworden, weil ich mich in
professionelle Hilfe begeben habe.
So, und nun habe mir alles von der Seele geschrieben.
Vielleicht trägt diese kleine Publikation ja dazu bei,
Mitbetroffenen zu helfen und ihnen aufzuzeigen, dass es
schon einige Zeit dauert, bis man angesichts so einer
schweren Erkrankung sein Leben wieder normal
gestalten kann und Freude daran findet. Auf jeden Fall
lohnt sich dieser Weg! Ich will Mut machen und wünsch
mir, dass viele diese Zeilen lesen und daraus Kraft
schöpfen können. - 57 -  
« Letzte Änderung: 08. Februar 2016, 10:59:15 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.

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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #36 am: 09. Februar 2016, 09:43:42 »
„Wege aus meiner Angst“ von Bärbel Köthke

Kurzinformation von Dr. med. Winfried Sporns//Oberarzt im Fachkrankenhaus Uchtspringe

–  DAS PANIKSYNDROM - EINE NEUE KRANKHEIT?


Die Diagnose des Paniksyndroms ist relativ neu. Dass es
sich dabei um ein Krankheitsidentität und nicht um
verschiedene Neurosen oder Erregungszustände handelt
(wie etwa Herzneurose, Hyperventilation, akuter                         
 psychogener Schwindel, idiopathische Atemnot,                   
neuasthenische Attacken o. ä.), wurde erst in den 1980er               
Jahren in den USA festgestellt. In Deutschland konnte                           
sich das Paniksyndrom ab dem Jahre 2000 mit der                           
Einführung der ICD 10 - der aktuellen, weltweit
verbindliche Krankheitsklassifikation  - endgültig etablieren.

Allerdings ist das Wissen um diese Art von Angststörung                   
noch nicht bei allen Ärzten und Therapeuten verbreitet.                   
Vielfach werden die Patienten unter' dem Verdacht auf
eine körperliche Erkrankung (wie etwa Herzinfarkt,
Blutdruckkrise mit vorübergehender Lähmung = TIA,
Schwindel mit Verdacht auf neurologische Systemerkrankung,
akutes Wirbelsäulensyndrom mit Verdacht auf
Rückenmarkserkrankung und sogar Epilepsie) oder
unter der Diagnose Depression eingewiesen.
Selbstverständlich gibt es das gemeinsame Auftreten
von Depression und Angsterkrankung. So entwickeln
Angstpatienten häufig auch depressive Symptome
(was - 58 - sicher nachvollziehbar ist), andererseits zeigen
depressive Menschen auch Ängste. Ein häufiges Beispiel
dafür ist die Agoraphobie, also die Platzangst, die zum
Beispiel in Supermärkten, in Fahrstühlen oder bei Auto-
und Zugfahrten auftritt. Sie gesellt sich einerseits fast
immer zum Paniksyndrom, wird andererseits aber im
Rahmen von Depressionen auch ohne regelrechte
Angstattacken überdurchschnittlich oft beobachtet.

Die Unterscheidung von Angsterkrankungen,
insbesondere  des Paniksyndroms (das unter den
stationär behandlungsnotwendigen Angststörungen   
heute den 1. Platz einnimmt) und Depressionen sind vor             
allem aus therapeutischer Sicht dringend erforderlich.
Während die medikamentöse Behandlung nicht           
grundlegend anders erfolgt (allerdings unterschiedliche
Schwerpunktsetzungen zu beachten sind), ist das
psychodeduktives und psychotherapeutisches Herangehen           
doch grundverschieden:
Bei Depressionen ist die Psychoedukation, also die       
Aufklärung über Krankheit, Behandlung und
Krankheitsverlauf, die wichtigste nichtmedikamentöse
Behandlungsmaßnahme. Die Prognose des Paniksyndroms
steht und fällt dagegen mit der Anleitung zur             
Selbsthilfe. Gelingt sie nicht, droht die Chronifizierung.
Erwartungsangst, Katastrophisieren und hypochondrische
Entwicklung müssen in den Griff gebracht werden.
So sollte im Vorfeld eine sorgsame körperlicher Diagnostik erfolgen, - 59 -
die bei Betroffen zu der Gewissheit beitragen kann,
somatisch nicht krank zu sein.
Vor allem ist auch die Besonderheit zu vermitteln,
dass Panikattacken meist aus "heiterem Himmel", also                     
"ohne Grund", zumindest ohne aktuellen, auftreten.                       
Im Hintergrund gibt es jedoch trotzdem häufig Problemlagen
und Konflikte, die zu bearbeiten sind.

Psychodynamisch kann man zugegeben etwas
pauschalisierend sagen, dass Depressionen etwas mit
Minderwertigkeits- und Sinnlosigkeitserleben zu tun
haben, das Paniksyndrom mit Selbstbehauptungsschwierigkeiten.               
Das heißt: Panikpatienten finden sich häufig in
Lebens- und interpersonellen Situationen, aus denen sie
nicht herauskommen, entweder, weil sie sich
nicht durchsetzen können oder aber,
weil materielle Zwänge bestehen.                             
 Oft sind jedoch auch nur allgemeine Selbstverunsicherungen
im gegenwärtigen Leben ohne erhebliche Konflikte feststellbar.                                     
Auf jeden Fall gibt es keine andere Erkrankung außer
dem Paniksyndrom, bei den ganz verschiedenen Symptome
aus verschiedenen Körperregionen zusammen auftreten
wie etwa Schwindelgefühl, Verspannungsgefühl im
Hinterkopf-Bereich, Enge im Hals, Druck im Brustkorb
und Oberbauch, Kribbeln und Schwächegefühl in Armen
und Beinen.  - 60 -

Bei Patienten, die einen Herzinfarkt befürchten, hilft                                     
oft die logische Erklärung, dass Herzrasen zwar auch                       
zum Infarkt passen könne, dann aber der Puls schwach
sein müsste. Dagegen spricht das kräftige Pochen des
Panikherzens eher für Herzgesundheit. Allerdings
 reicht auch das Akzeptieren des Wissens, körperlich
gesund zu sein,  noch nicht aus (wie auch das theoretische
Vertraut sein mit Bewegungsabläufen noch nicht zu ihrer
tatsächlichen Ausübung befähigt). Man muss das
"Unbewusste", das "zweite Ich", die "autonome Person"
oder wie auch immer man den Komplex psychischer und
motorischer Automatismen nennen will, von der
Harmlosigkeit der Symptome überzeugen. Dies gelingt nur,
indem man sein autonomes Ich erleben lässt,  das die
Paniksymptome durch eigene Anstrengungen sich nicht
hineinzusteigern, sondern sich selbst herunterzureden"
nach und nach, von Panikattacke zu Panikattacke nachlassen.

Dies klingt einfacher als es ist. Angehörige und nicht
Betroffene sollten daher vorsichtig sein mit Ungeduld
und Besserwissen: Die Funktion von Angst ist nun mal die
Warnung vor Gefahr, und starke Angst geht immer mit
dem Gefühl vitaler Bedrohtheit einher - ob es hierfür
nun einen Anlass gibt oder nicht. Wenn die Angst, in
Lebensgefahr zu sein, kein Objekt hat, sucht sie sich ein
solches. Die Furcht vor einem Herzinfarkt oder - 61 -
Schlaganfall, an dem man sterben könnte, ist also nicht
"albern", sondern physiologisch verständlich. Die
Erkenntnis, dass es eine seltsame Störung wie das
Paniksyndrom „eben gibt“, ist hier ganz wichtig und muss
Oft laienhaften Vorstellungen „sowas kommt von so
Was“ entgegengehalten werden.

Bei der Behandlung des Paniksyndroms steht zunächst
also die kognitiv-verhaltenstherapeutische
Instruktions- und Anleitungstherapie sowie meist auch
die medikamentöse Therapie im Vordergrund.
Gleichzeitig sollte aber nach Lebensproblemen
gefahndet werden, in denen der Patient sich in die Enge
getrieben fühlt oder auch missachtet, nicht ernst
genommen, sich nicht wagt, sich durchzusetzen oder wie
er sonst herauskommen soll. Möglicherweise nehmen
solche Konfliktlagen in unserer Gegenwart zu. Jedenfalls
stellt das Paniksyndrom  mittlerweile die zweithäufigste
Behandlungsdiagnose nach Depressionen auf unserer
verhaltenstherapeutisch orientierten "Depressionsstation",
auf der auch Frau Bärbel Köthke
(Autorin des Buches „Wege aus meiner Angst“) behandelt worden ist, dar.
- 62 und E N DE -
« Letzte Änderung: 09. Februar 2016, 09:49:17 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.

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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #37 am: 17. Juni 2016, 07:24:38 »
Psychisch krank im Job

Der Ratgeber der www.novitas-bkk.de/psyche
besteht aus 4 Handlungsfeldern: Verstehen, Vorbeugen, Erkennen, Bewältigen

Ratgeber
« Letzte Änderung: 17. Juni 2016, 07:27:44 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.

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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #38 am: 06. September 2016, 10:17:39 »
Gesundheitsversorgung psychisch Kranker

Der Entwurf birgt die Gefahr, dass schwer und chronisch psychisch kranke Menschen zukünftig vom Krankenhaus abgewiesen werden könnten, auch in akuten Krankheitsepisoden.
Dies sei darauf zurückzuführen, dass der PsychVVG-Entwurf die stationäre Versorgung dieser Patienten-Gruppe selbst bei einer akuten Verschlimmerung des Krankheitszustandes gesetzlich als nicht notwendig festschreiben möchte.

Zusätzlich sollen denjenigen Krankenhäusern Betten gekürzt werden, die eine "stationsäquivalente Behandlung im häuslichen Umfeld" erbringen möchten – eine solche Behandlung soll durch das PsychVVG eingeführt werden.
Dies würde nach Ansicht der ISL die Konkurrenz um die Betten in psychiatrischen Stationen.

Mehr unter und Fundquelle:
Kobinet-Nachrichten  08.07 2016
« Letzte Änderung: 06. September 2016, 10:20:41 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.

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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #39 am: 17. Oktober 2016, 09:43:17 »
Gesetz soll verbessert werden

Lücken bei der Zwangsbehandlung


Die gesetzlichen Regeln zur ärztlichen Zwangsbehandlung psychisch Kranker müssen nachgebessert werden,
weil sie verfassungswidrige Lücken haben.
Das teilte das Bundesverfassungsgericht (BVG) am 26.08.2016 in Karlsruhe mit.

Dabei geht es um Menschen, die nicht selbst über ihren Gesundheitszustand entscheiden können.
Seit 2013 regelt das BGB, in welchen Fällen sie gegen ihren Willen behandelt werden dürfen.
Eine Voraussetzung ist, dass sie in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht sind.
Nicht zwangsbehandelt werden können deshalb bettlägerige Patienten, die in einer normalen Klinik liegen.
Diese Lücke ist laut Beschluss "unverzüglich zu schließen".

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Patientenschutz erhöht sich dadurch die Zahl der potenziell Betroffenen schlagartig um den Faktor 30. Die Entscheidung werfe außerdem Fragen für die Behandlung demenzkranker Menschen auf, die teilweise auch nicht mehr selbst entscheiden könnten.
Die Patientin, wegen der die Regeln überprüft wurden, ist inzwischen gestorben.
Sie hatte in der Vergangenheit in einer geschlossenen Demenzstation schon einmal zwangsweise Medikamente bekommen, nachdem sie nichts mehr essen wollte und Suizidabsichten geäußert hatte.

Dann erkrankte sie an Brustkrebs.
Die Frau lehnte eine Behandlung ab.
Weil sie schon so schwach war, dass sie sich nicht ohne Hilfe fortbewegen konnte,
war eine Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie nicht möglich.
Der Betreuerin gelang es deshalb nicht, vor den Gerichten eine Zwangsbehandlung durchzusetzen.
Der BGH hatte verfassungsrechtliche Bedenken und legte den Fall dem BVG vor.

Fundquelle: Auszug – „ALTMARK-Zeitung“  August 2016

« Letzte Änderung: 17. Oktober 2016, 09:46:25 von RalleGA »
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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #40 am: 12. Dezember 2016, 09:47:50 »
psychisch Krank -

Rat & Hilfe

Die Deutsche Dachgesellschaft für Suizidprävention bietet auf ihren Seiten umfangreiche Informationen für ratsuchende Angehörige oder Menschen mit Suizidgedanken.

Sofortige Hilfe finden Betroffene Tag und Nacht bei der Telefonseelsorge unter den
Nummern 0800 – 1110 111 sowie 0800 – 1110 222.

Speziell an Kinder und Jugendliche richtet sich diese Hotline:
"Nummer gegen Kummer" unter 0800 – 1110 333.

Weitere Infos gibt es online unter:
www.psychiatrie.de/bapk/prof-hilfen/wegweiser   

www.das-beratungsnetz.de 

www.agus-selbsthilfe.de
(für Angehörige)

Fundquelle: Auszug – „ALTMARK-Zeitung“  Oktober 2016

« Letzte Änderung: 12. Dezember 2016, 09:52:40 von RalleGA »
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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #41 am: 26. Juli 2018, 09:28:22 »
Gesetz soll verbessert werden – Lücken bei der Zwangsbehandlung

Karlsruhe verschärft die Regeln
-

Fixierung in Psychiatrie nur auf Richter-Geheiß

Bundesverfassungsgericht  Az.: 2 BvR 309/15 und 2 BvR 502116 
Die Anordnung eines Arztes reicht grundsätzlich nur bei Fixierungen bis zu 30 Minuten.

Antworten auf Fragen dazu:


Wer sind die Beschwerdeführer?
Zwei Männer aus Bayern und Baden-Württemberg. Ein Betroffener wurde in München acht Stunden lang an Füßen, Händen, Bauch, Brust und Kopf am Bett fixiert, sodass er nicht einmal den Kopf bewegen konnte.
Er war stark betrunken und galt als gefährlich für sich selbst.
In Baden-Württemberg (BW) hatte ein Mann in der Psychiatrie mit Gegenständen geworfen.
Deswegen wurde er über mehrere Tage zeitweise festgebunden.

Gibt es Zahlen?
Kaum. Eine Verfassungsrichterin gab an, in BW seien es 2016 rund 17.600 einzelne Fälle von Fixierungen bei 5.300 Patienten gewesen. Auch in klinischen Bereichen außerhalb der Psychiatrie spielen Fixierungen eine Rolle, etwa wenn Patienten nach Operationen verwirrt sind. Entschieden wurde jetzt aber nur über die öffentlich-rechtliche Unterbringung in der Psychiatrie.

Wie ist die Rechtslage?
Für die Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie ist ein richterlicher Beschluss erforderlich. Für die anschließenden Fixierungen reichte nach der bisherigen Gesetzeslage in den meisten Bundesländern die Anordnung eines Arztes. In einigen Ländern müssen die Maßnahmen bereits innerhalb kurzer Zeit von einem Richter geprüft werden. In Bayern befasst sich der Landtag mit einer entsprechenden Gesetzesnovelle. Die Beschwerdeführer stützen sich auf die Artikel 2 und 104 des Grundgesetzes zur Freiheit der Person. Andreas Voßkuhle, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, sprach in der mündlichen Verhandlung von der staatlichen Freiheitsentziehung als schwerste Form der Freiheitsbeschränkung. Sie sei nur in besonderen Fällen verfassungsrechtlich gerechtfertigt.

Was hat das Bundesverfassungsgericht entschieden?
Eine Fixierung von mehr als einer halben Stunde muss als Freiheitsentziehung in der „Freiheitsentziehung" von einem Richter genehmigt werden. Wenn das in Notfällen wie Eigen- oder Fremdgefährdung etwa in der Nacht nicht sofort möglich ist, muss es am nächsten Morgen nachgeholt werden - es sei denn, die Maßnahme ist bis dahin wieder aufgehoben und wird absehbar nicht wiederholt.
Bayern und Baden-Württemberg haben bis Ende Juni 2019 Zeit, eine verfassungskonforme Rechtsgrundlage zu schaffen.

Fundquelle: Auszug – „ALTMARK-Zeitung“  Juli 2018
« Letzte Änderung: 26. Juli 2018, 09:30:34 von RalleGA »
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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #42 am: 30. November 2018, 18:30:42 »
Keine zwangsweise psychiatrische Begutachtung in eigener Wohnung

BVG betont Unverletzlichkeit der Wohnung


BVG-Beschluss vom 03.04.2018 (Az.: 2 BvR 253/18)


Psychisch Kranke müssen in ihrer eigenen Wohnung nicht die Begutachtung wegen einer möglichen Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung dulden. Eine entsprechende gerichtliche Anordnung verstößt gegen das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung.

Im konkreten Fall ging es um eine mögliche erforderliche Unterbringung einer psychisch kranken Frau.
Das Amtsgericht Soltau hatte hierzu einen Gutachter bestellt und zugleich angeordnet,
dass dieser die Frau in ihrer eigenen Wohnung befragen und untersuchen soll.
Weigere sich die psychisch Kranke, dürfe die Wohnung auch gewaltsam betreten werden.

Die in dem Unterbringungsverfahren ebenfalls bestellte Verfahrenspflegerin, die die Rechte der Frau wahrnahm,
hielt dieses Vorgehen für rechtswidrig.
Sie beantragte beim BVG eine einstweilige Anordnung, den Beschluss des AG aufzuheben.
In seinem Beschluss vom 16. März 2018 gaben die Verfassungsrichter der Verfahrenspflegerin nun Recht.

Denn finde die Untersuchung der Frau gegen ihren Willen in ihrer eigenen Wohnung statt,
werde gegen das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung verstoßen.
Gerade in seinen Wohnräumen habe jeder das Recht, in Ruhe gelassen zu werden.

Die Verfahrenspflegerin habe auch Verfassungsbeschwerde einlegen dürfen.
Zwar sei dies grundsätzlich nur möglich, wenn „eigene Rechte in eigenem Namen betroffen“ sind.
Im Unterbringungsverfahren dürfe bei „unmittelbar bevorstehenden Zwangsmaßnahmen“ aber die Verfahrenspflegerin ausnahmsweise ebenfalls eine Verfassungsbeschwerde einlegen.   

Hier habe das Amtsgericht das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung verkannt...
Für die öffentliche Gewalt gehe damit ein grundsätzliches Verbot des Eindringens in die Wohnung einher.
Nur wenn mit dem Eindringen in die Wohnung eine „gemeine Gefahr oder eine Lebensgefahr für einzelne Personen“ abgewehrt werden soll, sei diese Maßnahme zulässig.
Solch eine Gefahr habe hier aber nicht vorgelegen.     

Ein Gericht dürfe zwar nach dem Gesetz die Vorführung eines psychisch Kranken gegen dessen Willen anordnen.
Auch die Wohnung dürfe dann betreten werden, allerdings nur, um den Betroffenen zur Untersuchung zu bringen.
Es gebe jedoch keine Rechtsgrundlage dafür, dass dieser in der eigenen Wohnung gegen seinen Willen angehört und untersucht wird, betonte das BVG.
« Letzte Änderung: 30. November 2018, 18:39:54 von RalleGA »
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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #43 am: 12. Dezember 2018, 15:17:09 »
ADHS-Symptome bei Mädchen oft anders als bei Jungs

Verhalten richtig deuten


Wenn Kinder oft unruhig, impulsiv und unaufmerksam sind, liegt der Verdacht auf ADHS nahe.
Mädchen mit dieser Störung zeigen jedoch oft andere Symptome.
So ist bei ihnen eher auf Redefluss und Tagträume zu achten.

Bei ADHS denken die meisten Menschen an hyperaktive Kinder, die schnell die Geduld verlieren.
Doch bei Mädchen äußert sich die Störung häufig anders - was dazu führt, dass sie bei ihnen seltener erkannt wird.   

Eltern sollten z.B. hellhörig werden, wenn ihre Tochter unentwegt plappert, innerlich unruhig ist und starke Gefühlsschwankungen hat.
Auch Vergesslichkeit, Tagträume, ein sehr langsames Arbeitstempo oder wenig Selbstbewusstsein können Anzeichen sein.   

Das Problem:
Alle diese Merkmale fallen weniger ins Auge als die bekannteren ADHS-Symptome Hyperaktivität und aggressives Verhalten.
Mädchen versuchten auch häufiger als Jungen, ihre Krankheit zu verstecken, indem sie sich so gut es geht anpassen.
Ärzte sprechen bei Mädchen daher auch von einer"hidden disorder", einer versteckten Störung.
Bleibt ADHS unerkannt, entwickeln betroffene Mädchen später unter Umständen Begleiterkrankungen wie Depressionen,
eine Essstörung oder Angsterkrankung. Sie sind auch stärker suchtgefährdet als gesunde Mädchen. 

Fundquelle: Auszug – „VOLKSSTIMME“  Juni 2018
« Letzte Änderung: 12. Dezember 2018, 15:23:25 von RalleGA »
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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #44 am: 10. Januar 2019, 09:46:38 »
Zwangsanordnung einer Therapie unzulässig

Menschen mit seelischen und/oder psychischen Behinderungen hatten bei Beratungen der EUTB mitgeteilt,
dass ihnen auferlegt wurde, eine Psychotherapie zu machen.
Dies erfolgte zum Teil unter Androhung und Durchführung von Sanktionen von Seiten des Sozialamtes oder anderer Behörden.
Die zwangsweise Anordnung einer Therapie ist aber bereits 2010 für rechtswidrig erklärt worden,
wie Christian Meyer von der EUTB des ZsL Nord in Kiel berichtet.

"Gemäß Beschluss des BVerfG vom 01.12.2010 (Az.: 1BvR 1572/10)
verletzt dies den Betroffenen in seinem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung.


mehr unter: Kobinet-Nachrichten 03.01.2019

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