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Autor Thema: Wie groß ist das Risiko, dass ein (neuer) Tumor entsteht?  (Gelesen 8091 mal)

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Offline busymouse

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  • Krankheit: Lynch-Syndrom (HNPCC) und Tarlovzysten
Wie groß ist das Risiko, dass ein (neuer) Tumor entsteht?

Man spricht von einem "Lebenszeitrisiko", an HNPCC zu erkranken. Das Lebenszeitrisiko ist die Wahrscheinlichkeit, im Laufe einer üblichen Lebensspanne an einer bestimmten Störung zu erkranken. (Wikipedia)

Das Lebenszeitrisiko ist für die einzelnen mit HNPCC assoziierten Tumorarten für HNPCC-Patienten und -Risikopersonen unterschiedlich hoch. Sicherlich ergeben sich auch anhand der einzelnen Familienanamnesen Abweichungen von der Norm.

Wahrscheinlichkeitsaussagen sind für den Einzelnen nie sehr verlässlich. Folgendes darf man dabei nie vergessen:

  • Wahrscheinlichkeiten machen keine Aussage darüber, ob jemand tatsächlich erkranken wird. Das Risiko, mit 80%iger Wahrscheinlichkeit an einem Darmkrebs zu erkranken, beinhaltet eine 20%ige Wahrscheinlichkeit, nicht an einem Darmkrebs zu erkranken.
  • Wahrscheinlichkeiten machen auch keine Aussage darüber, wann jemand erkranken wird. Selbst ein 100%iges Risiko würde nur aussagen, dass man es bekommt. Es macht keine Aussage darüber, ob es morgen oder in 30 Jahren stattfinden wird.
  • Wahrscheinlichkeiten verändern sich normalerweise nicht, wenn der Fall X bereits aufgetreten ist. Auch nach einer Tumor-OP ist das Risiko erneut zu erkranken wieder genauso groß wie vorher. Ausnahme: Das entsprechende Organ wurde vorsorglich komplett entfernt. Dann wird die entsprechende Tumorart nicht mehr auftreten. Das Lebenszeitrisiko für die anderen Tumorarten des HNPCC bleibt aber unverändert erhalten.

Nur ein gutes und engmaschiges Früherkennungssystem kann hier Sicherheit geben. Ich bezeichne es daher als meine persönliche Lebensversicherung.
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Studie: An der Universität Lyon wurde untersucht, ob es in Abhängigkeit von den betroffenen Genen MLH1, MSH2, and MSH6 Unterschiede hinsichtlich des Krebsrisikos gibt.

Untersucht wurden HNPCC-Familien, die zwischen Januar 2006 und und Dezember 2009 an 40 französischen Kliniken untersucht wurden. Unter den 537 Familien fanden sich 248 mit einem MLH1-Defekt, 256 mit MSH2-Defekt und 33 mit einem Defekt auf dem MSH6-Gen.

Es fanden sich aussagekräftige Unterschiede im kumulativen Krebsrisiko hinsichtlich der 3 mutierten Gene.

Das Risiko bis zum 70. Lebensjahr ein Kolonkarzinom zu entwickeln, lag durchschnittlich bei

  • 41% bei MLH1-Betroffenheit,
  • 48% bei MSH2-Betroffenheit,
  • 12% bei MSH6-Betroffenheit.

Für ein Endometriumkarzinom ergab sich durchschnittlich ein Risiko von

  • 54% bei MLH1-Betroffenheit,
  • 21% bei MSH2-Betroffenheit,
  • 16% bei MSH6-Betroffenheit.

Ovarialkarzinome traten mit einem durchschnittlichen Risiko von

  • 20% bei MLH1-Betroffenheit,
  • 24% bei MSH2-Betroffenheit und
  • 1% bei MSH6-Betroffenheit auf.

Das kumulative Risiko für Endometriumkarzinome bis zu einem Alter von 40 Jahren lag dagegen bei nur 2%, das kumulative Risiko für Ovarialkarzinome gar nur bei 1%.

Für alle anderen Tumorarten wurde bei Mutation dieser 3 Gene ein Lebenszeitrisiko von nicht mehr als 3% gefunden.

Fazit: MSH6 Mutationen sind mit deutlich geringerem Krebsrisiko als MLH1 oder MSH2-Mutationen assoziiert. Das Lebenszeitrisiko für Ovarial-und Endometriumkarzinome ist im Zusammenhang mit MLH1 oder MSH2-Mutationen hoch, aber bis zu einem Alter von 40 Jahren nicht nennenswert erhöht.

siehe: Pubmed: Cancer risks associated with germline mutations in MLH1, MSH2, and MSH6 genes in Lynch syndrome. JAMA. 2011 Jun 8;305(22):2304-10.

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Weitere Fragen werden hier beantwortet:

LG busymouse
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Änderungen:

28.10.2011 - Studie hinzugefügt
« Letzte Änderung: 28. Oktober 2011, 15:27:02 von busymouse »
Nicht die Dinge selbst, sondern nur unsere Vorstellungen über die Dinge machen uns glücklich oder unglücklich.
(Epiktet, griech. Philosoph, 50-138)