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Autor Thema: Auch Angehörige haben und stellen die Frage...brauchen Verständnis  (Gelesen 2331 mal)

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Offline RalleGA

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Auch für Angehörige gilt die Frage, was wird durch das neue Gesetz besser oder schlechter?

Nicht nur Vorteile auch Nachteile bringt das neue Pflegegesetz, das seit 1. Juli in Kraft ist, mit sich.

Das neuverfasste Pflegegesetz ist seit 1. Juli 2008 in Kraft.
Was wird besser, was wird schlechter und was genau haben pflegende Angehörige außerdem davon?

Die Große Koalition hat nach einer kontroversen Debatte im Bundestag die Pflegereform gegen die Ablehnung der gesamten Opposition beschlossen. Monatelang wurde erbittert um Details für die Versorgung von rund 2,2. Millionen Pflegebedürftigen gerungen. Nun ist es seit 1. Juli in Kraft.

Kritik hagelte es aber schon jetzt von allen Seiten. Die Arbeitgeber reiben sich an den Beiträgen und am Pflegeurlaub, der zu lang sei und viel zu kurzfristig angemeldet werden muss.
Die Pflegeeinrichtungen mosern über die künftig verstärkten Kontrollen. Sie befürchten eine ungerechte Beurteilung. Die Sozialverbände schließlich finden zwar gut, dass endlich etwas geschehen ist, sehen aber die soziale Schieflage nicht beseitigt.

Alle aber müssen sich ab Juli auf neue Regeln einstellen.
Das wird anders:
- Versicherte zahlen statt 1,7 Prozent ihres Bruttolohns 1,95 Prozent. Kinderlose 2,2 Prozent -
  Einnahmen der Pflegeversicherung erhöhen sich um 2,7 Milliarden Euro jährlich
- Demenzkranke erhalten 1.200 oder 2.400 Euro pro Jahr zusätzlich
- Leistungen in der ambulanten Pflege werden von 2008 bis 2012 stufenweise angehoben.
  Die Pflegesätze: Stufe I erhöht sich von 384 auf 450 Euro. Stufe II: 1100 Euro (921).
  Stufe III: 1550 Euro (1432). Heimbewohner erhalten ebenfalls 1.550 Euro
- das Pflegegeld für Angehörige, die zu Hause pflegen, steigt in drei Stufen um durchschnittlich 30
   Euro monatlich
- die Länder sollen Pflegestützpunkte einrichten
- alle Bürger können sich an einen Pflegestützpunkt wenden, auch privat Versicherte
- Anträge auf Leistungen müssen künftig in fünf Wochen, bei Schwerkranken innerhalb einer
  Woche  entschieden werden
- Heime und Pflegedienste sol¬len ab 2011 jährlich und in der Regel unangemeldet kontrolliert
  werden. Die Berichte sollen veröffentlicht und im Heim aus¬gehängt werden.
  Zusätzlich soll es ein Prädikat geben, ähnlich der Sterne für Hotels. Bis 2010 sollen alle rund
  21.000 Einrichtungen ein Mal  überprüft werden.
- Arbeitnehmer erhalten- außer in Kleinbetrieben - den Anspruch auf eine Pflegezeit von bis zu
  sechs Monaten
- Es wird eine kurzfristige Pflege-Auszeit von zehn Arbeitstagen eingeführt. In dieser Zeit können
   die Beschäftigten die Pflege eines akut pflegebedürftig gewordnen Angehörigen organisieren.
   Die Auszeit wird nicht bezahlt, die SPD wollte dafür einen Lohnersatz von rund 70 Prozent.

Und das gilt für pflegende Angehörige:

1. In einem akuten Versorgungsfall eines Angehörigen, gewährt das Gesetz einem Arbeitnehmer
    eine kurzzeitige Freistellung von bis zehn Tagen, um die nötigsten Dinge in die Wege zu
    leiten. Das soll dazu dienen, entweder eine bedarfsgerechte Pflege zu organisieren oder die
    Versorgung mit Pflege einfach nur selbst sicherzustellen.
2. Darüber hinaus gewährt das neue Gesetz pflegenden Angehörigen den Rechtsanspruch, für bis
    zu sechs Monaten befristet von der Arbeit freigestellt zu werden, um selbst die Pflege des
    Angehörigen zu übernehmen - in Unternehmen mit mehr als 15 Mitarbeitern. Pflegt der
    Angehörige mehr als 14 Stunden wöchentlich ist schon jetzt geltendes Recht, dass die
    Pflegekasse die Rentenversicherungsbeiträge zu übernehmen hat.
   Im Falle einer gesetzlichen Familienversicherung bleibt der Kranken- und
   Pflegeversicherungsschutz gewährt.
   Liegt keine Familienversicherung vor, muss sich der Arbeitnehmer freiwillig in der   
   Krankenversicherung weiterversichern.  Dafür zahlt er den Mindestbeitrag.
   Damit ist auch die Pflegeversicherung abgedeckt.
   Auf Antrag erstattet die Pflegekasse den Mindestbeitrag zurück.
   In der Arbeitslosenversicherung bleibt der Arbeitnehmer weiter versichert, die Beiträge erstattet
   ebenfalls die Pflegekasse.
   Innerhalb einer Frist von zwei Wochen (Notsituation) muss die Pflegekasse über den Antrag
   auf Pflegezeit befinden.
3. Anspruch auf Verhinderungspflege. Wer einen Angehörigen pflegt, hat auch bisher schon
   Anspruch auf Erholungsurlaub. In der fraglichen Zeit wird dem Angehörigen eine Pflegevertretung
   zur Verfügung gestellt.  Im neuen Gesetz wird die Vorpflegezeit für die erstmalige
   Inanspruchnahme einer Pflegevertretung von zwölf auf sechs Monate verkürzt.
   Zudem wird die Zeit des Erholungsurlaubs der Pflegeperson zukünftig bei der
   Rentenversicherung gutgeschrieben.
4. Das Pflegegeld, also die Geldleistung für Pflegepersonen, wird schrittweise erhöht.
    Bei Pflegestufe 1 in 10- Euro-Schritten von derzeit 205 Euro auf 235 Euro im Jahr 2012.
    Bei Stufe 2 von 410 Euro in 10- Euro-Schritten auf 440 Euro. Und bei Stufe 3 von derzeit
    665 Euro über 675 (2008) und 685 (2010) bis auf 700 Euro im Jahr 2012.

Fundquelle: Sonntagsnachrichten Altmarkkreis SALZWEDEL – Sonntag, 6. Juli 2008 -
« Letzte Änderung: 07. Januar 2013, 10:04:26 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.

Offline RalleGA

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Re: Auch Angehörige stellen die Frage...
« Antwort #1 am: 07. Januar 2013, 10:03:31 »
Verständnis für den anderen hilft bei der häuslichen Pflege

Die Pflege eines Angehörigen ist oft körperlich und nervlich anstrengend - auch in emotionaler Hinsicht.
Und das nicht selten über viele Jahre, manchmal auch Jahrzehnte. Betroffene haben beispielsweise das Gefühl,
dass der Pflegebedürftige ihnen mit seinem Verhalten das Leben absichtlich schwer macht.
Für eine gute Pflege ist es daher wichtig, dass man versucht, sich immer wieder in die Lage des Pflegebedürftigen zu versetzen und seine Beweggründe zu verstehen.
Dabei sollte man sich klarmachen, dass eine Krankheit bei vielen Menschen auch Wesenszüge hervorbringt,
die man bisher gar nicht von ihnen kannte.
Pflegebedürftige können sich in ihren Wünschen und Bedürfnissen verändern.
Für viele Pflegebedürftige sei es beispielsweise sehr belastend, dass sie immer auf Hilfe angewiesen sind,
weshalb sie häufig unzufrieden wirkten.

Die Zusammenhänge erkennen und verstehen

Empfehlenswert für pflegenden Angehörigen ist daher, sich eingehend über das Krankheitsbild des Pflegebedürftigen zu informieren.
Dadurch kann man beispielsweise erst nachvollziehen, dass es der Vergesslichkeit im Rahmen der Erkrankung geschuldet ist, wenn der Betroffene 5 x hintereinander um ein Glas Wasser bittet.
Verstehe man solche Zusammenhänge, könne man bestimmte Verhaltensweisen besser einordnen.

Gut sei auch, regelmäßig Abstand zu gewinnen, um die Pflegesituation reflektieren zu können.
Fragen Sie sich selbst mal zwischendurch, wie es dem Patienten gerade geht und was sich verändert hat.
Es helfe auch, seine Gedanken z.B. in Tagebucheinträgen zu formulieren oder anderen von sich zu erzählen.
Um Verständnis und Mitgefühl für die Situation anderer aufzubringen, muss man allerdings auch mit sich selbst verständnisvoll umgehen können.
Pflegende Angehörige sollten daher lernen, auch ihre eigenen Bedürfnisse aufmerksam wahrzunehmen und ihre Schwächen zu akzeptieren.
Das Internetportal www.pflegen-und-leben.de  bietet eine kostenlose Online-Beratung für pflegende Angehörige, die seelisch belastet sind.

Fundquelle: Auszug – „VOLKSSTIMME“ November 2012
« Letzte Änderung: 07. Januar 2013, 10:06:13 von RalleGA »
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Offline RalleGA

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Re: Auch Angehörige haben und stellen die Frage...brauchen Verständnis
« Antwort #2 am: 25. März 2019, 13:55:56 »
Pflege „Bericht“ 

Sie gab ihren Mann nach 11 Jahren ins Heim, wo sie immer da war, aber es zu Hause nicht mehr ging.
Dass ich dir das antun muss", hat er oft zu mir gesagt.
Das tat mir einerseits gut, weil er meinen Einsatz damit würdigte.
Andererseits belastete es mich.
Ich wollte nicht, dass er sich deswegen auch noch Sorgen machte.
Er hatte genug damit zu tun, seine Gebrechlichkeit und seine Krankheiten zu akzeptieren.
Mein Mann hatte nie zur Last fallen wollen.

Begonnen hat sein Leidensweg 2006 nach einer Hüftoperation.
Danach war die Prothese 4x ausgerenkt, gebrochen, musste einzementiert werden.
Darmkrebs kam dazu, dann hatte er eine Sepsis, weil ein Loch in der Darmwand war.
Dazu kam eine schwere Nervenerkrankung. 

Treppenlift, Krankenbett, Pflegekräfte, all das war nun Alltag.

Ich fuhr ihn mehrmals in der Woche zur Physio, zur Cherno, ich lernte, den Zugang zu spülen, ich war jedes Mal mit auf Reha.
Ich war immer da für ihn, auch als er zunehmend unruhig wurde, weil zusätzlich Alzheimer ausgebrochen war.
Als die Demenz fortschritt, wurde er schnell unleidig, Freunden und auch mir gegenüber. 

Ein kritischer Mensch ist er seit jeher gewesen, aber vor allem war er großzügig und ließ mir alle Freiheiten.
Er vermittelte mir immer den Eindruck, dass ich für ihn die einzig Richtige sei.
Einmal ist er nachts rabiat geworden, haute mit dem Stock auf alles Mögliche ein.
Er erkannte mich nicht, warf eine Flasche nach mir. Er hatte Panik und ich Angst.
Hätte ich allerdings geahnt, dass er dann für sechs Wochen in der geschlossenen Psychiatrie bleiben muss,
hätte ich niemals den Notarzt gerufen.
Ich dachte, dass er nur medikamentös neu eingestellt wird.

Als mein Mann dann wieder mal im Krankenhaus lag, mit einer Lungenentzündung, träumte ich davon,
einmal ganz unbelastet ein paar Tage Zeit nur für mich zu haben.
Meine Freunde und die Menschen, mit denen ich mich beriet, hatten mir schon lange nahegelegt,
meinen Mann einige Tage in eine Kurzzeitpflege zu geben.


Erst im Rückblick wird mir klar, dass ich fast nur noch für meinen Mann und sein Wohlergehen gekämpft habe.

Eines Tages, als ich ihn füttern wollte, hat er den Mund einfach nicht aufgemacht.
Ganz kurz hatte ich den Wunsch, ihm die Suppe ins Gesicht zu schütten.
Ich bin rausgerannt, entsetzt über mich.
Es war wohl so weit.

Tagelang telefonierte ich herum, bis ich ein gutes Haus fand.
Ich sagte zu meinem Mann:
Du bist hier auf Reha, wenn du gut mitarbeitest, kommst du bald wieder nach Hause.
Ich habe ihn angelogen.


Ich sah, dass mein Mann dort besser rund um die Uhr gepflegt werden konnte, dass er auch mehr Abwechslung hatte.
Es war nicht alles gut - mal fehlten T-Shirts, dann bekam er Milchprodukte, die er nicht verträgt.
Als Angehörige will man halt das Allerallerbeste.

Aus der Kurzzeitpflege wurde ein Jahr.

Ich hatte solche Gewissensbisse, und natürlich bin ich nicht weggefahren, damals im August 2017.
Ich war jeden Tag dort, bis die Schwestern meinten, ich müsse ihn ankommen lassen.
Da hatte ich mich wohl schon entschieden, meinen Mann im Heim zu lassen, auch wenn ich mich oft sehr schlecht fühlte, weil ich ihn ja irgendwie einfach abgegeben hatte.
Ich überlegte hin und her, ob es nicht doch Möglichkeiten gab, ihn wieder nach Hause zu holen.
Aber es war nicht mehr zu schaffen.
Wir haben ihn z.B. einfach nicht mehr in die Dusche gebracht, die Tür war für den Rollstuhl zu schmal,
stehen und laufen konnte er ja nicht mehr.
Im August 2018 ist mein Mann gestorben, im Krankenhaus.
Ich war und bin mehr traurig als erleichtert.
Eigentümlich, dass ich mich an meinen Mann ganz konkret nur im letzten Jahr im Heim erinnern kann,
an die Zeit, in der er so sehr leiden musste.
Alles andere - die Gemeinsamkeiten, die Reisen, das normale Leben mit ihm - ist derzeit weit weg.

Ich rede noch immer mit meinem Mann, und vor ein paar Tagen hat er gesagt:

"Eva, mach noch etwas aus deinem Leben, du darfst es wieder genießen."
Alle Trauer und Niedergeschlagenheit waren für eine Zeit verschwunden.
Ich spürte sogar eine körperliche Beschwingtheit.
Und dann hatte ich einen wunderschönen und besonderen Tag.
Ich war viel draußen mit unserem Hund und habe mich endlich einmal frei gefühlt.

Fundquelle: Auszug – CHRISMON – evangelisches Magazin 01-2019

« Letzte Änderung: 25. März 2019, 14:02:48 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.