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Autor Thema: Wie wird die Diagnose HNPCC gestellt?  (Gelesen 7386 mal)

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Offline busymouse

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Wie wird die Diagnose HNPCC gestellt?
« am: 28. Mai 2009, 14:27:50 »
Wie wird die Diagnose HNPCC gestellt?

Die klinischen Kriterien

Seit 1993 wird der molekulargenetische Hintergrund der Erkrankung zunehmend geklärt. Der Verdacht auf HNPCC liegt dann vor, wenn bestimmte Kriterien (s. u.) erfüllt werden. Die Diagnose gilt dann als gesichert, wenn der Gen-Defekt (die Keimbahnmutation) molekulargenetisch nachgewiesen werden kann. Die klassischen Amsterdam-I-Kriterien umfassen nur kolorektale (= Dick- und Enddarm betreffende) Karzinome, während die Amsterdam-II-Kriterien auch extrakolonische (=außerhalb des Dickdarms gelegene) Karzinome einschließen. Da nicht alle Patienten beziehungsweise Familien mit nachgewiesener Keimbahnmutation die sehr strengen Amsterdam- Kriterien erfüllen, wurde ein erweiterter Kriterienkatalog definiert (Bethesda-Kriterien). Kann der Defekt molelulargenetisch nicht nachgewiesen werden, besteht bei Erfüllung der Kriterien dennoch das Risiko, HNPCC zu haben, da noch nicht alle beteiligten Genorte und Zusammenhänge bekannt sind.

Amsterdam-I-Kriterien (Vasen et al., 1999)
alle Kriterien müssen erfüllt sein

  • mindestens drei Familienangehörige mit histologisch gesichertem kolorektalem Karzinom
  • einer davon Verwandter ersten Grades der beiden anderen
  • Erkrankungen in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Generationen
  • mindestens ein Patient mit der Diagnose des kolorektalen Karzinoms vor dem 50. Lebensjahr
  • Ausschluss einer Familiären Adenomatösen Polyposis (FAP)

Amsterdam-II-Kriterien (Vasen et al., 1999)
alle Kriterien müssen erfüllt sein

  • mindestens drei Familienangehörige mit HNPCC-assoziiertem Karzinom (Kolon/ Rektum, Endometrium, Dünndarm, Nierenbecken/Ureter)
  • einer davon Verwandter ersten Grades der beiden anderen
  • Erkrankungen in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Generationen
  • mindestens ein Patient mit der Diagnose eines Karzinoms vor dem 50. Lebensjahr
  • Ausschluss einer FAP

Revidierte Bethesda-Kriterien (Umar et al., 2004)
mindestens ein Kriterium muss erfüllt sein

Tumoren von Patienten sollten auf das Vorliegen einer Mikrosatelliten-Instabilität in folgenden Fällen untersucht werden:

  • Patienten mit kolorektalem Karzinom vor dem 50. Lebensjahr.
  • Patienten mit synchronen oder metachronen kolorektalen Karzinomen oder anderen HNPCC-assoziierten Tumoren*, unabhängig vom Alter.
  • Patienten mit kolorektalem Karzinom mit MSI-H Histologie** vor dem 60. Lebensjahr.
  • Patient mit kolorektalem Karzinom (unabhängig vom Alter), der einen Verwandten 1. Grades mit einem kolorektalen Karzinom oder einem HNPCC-assoziierten Tumor vor dem 50. Lebensjahr hat.
  • Patient mit kolorektalem Karzinom (unabhängig vom Alter), der mindestens zwei Verwandte 1. oder 2. Grades hat, bei denen ein kolorektales Karzinom oder ein HNPCC-assoziierter Tumor (unabhängig vom Alter) diagnostiziert wurde.

*zu den HNPCC-assoziierten Tumoren gehören Tumoren in: Kolorektum, Endometrium, Magen, Ovarien, Pankreas, Ureter oder Nierenbecken, Gallengang, Dünndarm und Gehirn (meist Glioblastome wie bei Turcot-Syndrom) sowie Talgdrüsenadenome und Keratoakanthome (bei Muir-Torre-Syndrom)

**Vorliegen von Tumor-infiltrierenden Lymphozyten, Crohn-ähnlicher lymphozytärer Reaktion, muzinö-ser/Siegelring-Differenzierung, oder medullärem Wachstumsmuster

Die Diagnosestellung

Die Zugangswege zur Diagnose sind unterschiedlich. Oft ergibt sich der Verdacht auf HNPCC aus dem jungen Alter des Tumorpatienten. Dann folgen zumeist die Familienanamnese und die ersten Untersuchungen des Tumormaterials (>>> Mikrosatellitenanalyse, >>> Nachweis des Expressionsverlustes) bereits im Krankenhaus. Erst danach erfolgt die Untersuchung auf DNS-Ebene, bei der versucht wird, den eigentlichen Gen-Defekt unmittelbar nachzuweisen. Zur Sicherung der Diagnose erfolgt abschließend eine neue Gensequenzierung und -untersuchung anhand einer Blutprobe.

Die Ergebnisse der Untersuchung werden nie ohne ein vorangegangenes Beratungsgespräch bei einem humangenetischen Institut bekanntgegeben. Jeder Mensch hat auch ein Recht auf Nicht-Wissen!

Werden die benannten Untersuchungen nicht vom Krankenhaus veranlasst, kommen entweder Tumorpatienten nach Überweisung durch den betreuenden Arzt oder ratsuchende Familienmitglieder im ersten Schritt zur humangenetischen Beratungsstelle. Dort findet dann zunächst ein Beratungsgespräch über das persönliche Erkrankungsrisiko. Die genetischen Zusammenhänge werden aufgezeigt und die Möglichkeiten der molekulargenetischen Diagnostik erläutert. Die entsprechenden Untersuchungen folgen dann im nächsten Schritt.

Wird in einer Familie entsprechend den Amsterdam-Kriterien ein HNPCC-Syndrom diagnostiziert und ist die krankheitsverursachende genetische Veränderung nicht nachweisbar, haben alle Familienmitglieder entsprechend ihrer Wahrscheinlichkeit, die Anlage geerbt zu haben, ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Diesem Risiko sollte im Rahmen eines intensivierten Früherkennungsprogramms Rechnung getragen werden.

Ist die genetische Veränderung hingegen bekannt, besteht die Möglichkeit einer vorbeugenden genetischen Analyse für Familienangehörige. Als Risikopersonen für HNPCC gelten dabei alle Familienangehörigen, die mit einem Anlageträger oder mit einem an einem Tumor aus dem HNPCC-Spektrum erkrankten erstgradig verwandt sind.

Für Familienmitglieder bei denen die vorbeugende genetische Analyse ergibt, dass sie die Anlage nicht geerbt haben, ergibt sich kein erhöhtes Erkrankungsrisiko gegenüber der Normalbevölkerung und somit keine Notwendigkeit für ein intensiviertes Früherkennungsprogramm.

Quelle: Verbundprojektes der Deutschen Krebshilfe "Familiärer Darmkrebs"  und andere

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« Letzte Änderung: 30. Mai 2009, 09:39:02 von busymouse »
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(Epiktet, griech. Philosoph, 50-138)