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Autor Thema: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen  (Gelesen 20712 mal)

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Offline RalleGA

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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #45 am: 07. April 2019, 09:49:19 »
So lösen sich innere Blockaden

Therapie gegen den Blackout   


Innere Blockaden können einen erwachsenen Menschen ganz gehörig ausbremsen.
Die Ursache davon ist oft ein unverarbeitetes Erlebnis aus der Kindheit.

Eigentlich sollte der große Auftritt kein Problem sein.
Das Manuskript steht, das Thema sitzt - und doch steigt Panik auf, kurz bevor es losgeht.
Lampenfieber vor einem wichtigen Vortrag kennen viele.
Manchmal bleibt es nicht beim bloßen Nervenflattern - hinzukommen Schweißausbrüche, Herzrasen,
Zittern, das Gefühl mentaler Lähmung.
Für einige Menschen sind solche Situationen Alltag: innere Blockaden, die sie daran hindern, etwas erfolgreich zu meistern.

Angstzustände und ihre Folgen
Solche Blockaden setzen automatisch ein und laufen im Unterbewusstsein ab.
Im Prinzip sind es Angstzustände, die in ganz verschiedenen Momenten auftreten können.
Da ist etwa die Prüfungsangst. Die Flugangst. Oder eben der Rampenlicht-Stress.
Die Folge: Betroffene bleiben weit unter ihren Möglichkeiten.     

Mit dem Einnehmen von angstlösenden Medikamenten etwa vor einem Auftritt oder vor einer Prüfung lässt sich das Problem nicht lösen. Und kritische Situationen einfach zu vermeiden, ist oft nicht möglich - und schon gar keine Lösung.
Wichtig ist vielmehr zu erkennen, wie Blockaden entstehen und woher sie kommen. 

Woher kommt die Angst?

In einem allerersten Schritt kann das jeder für sich selbst tun: sich hinsetzen und aufschreiben,
was man in einer bestimmten Situation fühlt. Wovor man eigentlich konkret Angst hat.
Anderen nicht zu gefallen? Von anderen ausgelacht werden?
Die Ursachen für innere Blockaden finden sich häufig in einem nicht verarbeiteten Erlebnis in der Kindheit.
Das kann derart belastende oder sogar traumatische Züge haben, dass es sich fest im Unterbewusstsein etabliert hat - und Betroffene auch Jahrzehnte später blockiert. 
Beispiel: Eine erfolgreiche Pianistin hatte während eines Konzerts einen Blackout - mitten im Spiel setzte sie einfach aus.

Über ein Coaching kam sie der Ursache auf die Spur:

Der Blackout setzte in dem Moment ein, als sie über eine längere Phase sogenannte Forte-Passagen spielte, besonders laute Töne also.
Das erinnerte die Frau im Unterbewusstsein an einen Streit, den sie als Mädchen mit ihrem Vater hatte - der Schichtarbeiter war und schlafen wollte, während seine Tochter Klavier spielte.   

Innere Blockaden entstehen jedoch auch durch negatives Denken:
Betroffene sind dann felsenfest davon überzeugt, etwas nicht zu können.
Die Angst vor dem Scheitern wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung.
Wie lassen sich solche Blockaden lösen? 
In vielen Fällen hilft ein Coaching.
Manchmal ist aber auch eine Therapie nötig, etwa eine kognitive Verhaltenstherapie.
Dabei deckt ein Klient gemeinsam mit einem Therapeuten im Unterbewusstsein schlummernde negative Gedanken auf und setzt ihnen neue, positive Gedanken entgegen.   

Auch spezielle Atemtechniken können in belastenden Momenten für Entspannung sorgen.
Ein anderes Mittel gegen Blockaden ist die sogenannte Wingwave-Methode.
Bei diesem speziellen Coaching wird versucht, gegen Stress an der Stelle anzugehen, wo sie herkommt,
nämlich im Gehirn, genau gesagt im limbischen System.
Zu Beginn beschreibt der Klient die Situation, bei der die innere Blockade auftaucht.
Dann werden Stressauslöser und nachhängende Emotionen mit einem Test identifiziert.
Damit legt der Coach das Problem frei.
Er versetzt nun seinen Klienten bewusst in den Zustand der inneren Blockade - und beginnt dann ein mentales Training.   

Selbstvertrauen wiedererlangen     
Dabei wird das Gehirn, das in eine logische und in eine emotionale Hälfte eingeteilt ist, durch die Übungen miteinander vernetzt. So wird jemandem, der - emotional - Angst vor dem Rampenlicht hat, verdeutlicht, dass seine Angst ganz und gar unbegründet ist, denn - logisch: Er weiß ja, dass er das, was er etwa vorführen will, kann.
Für ein Coaching nach der Wingwave-Methode sind in aller Regel drei bis fünf Sitzungen à einer Stunde erforderlich.   

Wer an einer inneren Blockade leidet, sollte nicht zu lange damit warten, das Problem anzugehen.

Je eher man sich der Sache stellt, desto besser.
Denn Blockaden bremsen die Lebensenergie aus - mit negativen Folgen für das eigene Wohlbefinden.

Fundquelle: Auszug – „VOLKSSTIMME“  Januar 2019
« Letzte Änderung: 07. April 2019, 09:51:13 von RalleGA »
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Offline RalleGA

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Re: Psyche und Depressionen - öffentlicher Austausch + Informationen
« Antwort #46 am: 11. April 2019, 07:57:11 »
Warum Antidepressiva eine Therapie nicht ersetzen

Menschen mit Depression brauchen klar strukturierte Tage, feste Verhaltensregeln, Therapie - und Medikamente?
Ja.
Aber die Pillen sollten nicht der erste und einzige Weg zur Besserung sein.

Doch die Praxis sieht leider oft anders aus. - Eine Depression ist eine Krankheit.

Und wer eine Krankheit hat, nimmt Medikamente dagegen - Antidepressiva in diesem Fall.
Oder? So einfach ist es leider nicht, sagt Professor Tom Bschor.
Der Chefarzt für Psychiatrie an der Schlosspark-Klinik in Berlin hat ein Buch über Antidepressiva geschrieben.
Zu oft bekommen Patienten nur die Pillen und darüber hinaus keine Hilfe beim Kampf gegen die Depression.

Fragen + Antworten 
Sie haben ein Buch über Antidepressiva und ihre korrekte Verwendung geschrieben. Warum?

Tom Bschor: Mein Eindruck ist, dass Antidepressiva deutlich zu oft verschrieben werden - nämlich auch dann, wenn entweder gar keine Depression vorliegt oder die Antidepressiva dem Patienten gar nicht helfen. Und dann gibt es Fälle, wo Patienten die Antidepressiva teils über Monate und Jahre weiternehmen, obwohl es gar nicht mehr sein müsste. Mit der Folge, dass es dann nach dem Absetzen Entzugserscheinungen gibt oder den sogenannten Rebound, bei dem die Depression mit besonderer Wucht zurückkommt.   

Wie wirken Antidepressiva denn eigentlich?

Bschor: Der Name Antidepressiva ist etwas irreführend - das klingt so, als ob die Krankheit damit zielgerichtet geheilt wird, ähnlich wie beim Antibiotikum zum Beispiel. Tatsächlich ist es aber nur so, dass Antidepressiva einzelne Symptome der Depression besser machen können - die Patienten sind fröhlicher, haben wieder mehr Antrieb, der Grübelzwang geht zurück, sie schlafen wieder besser.
Es gibt aber auch Fälle, wo Antidepressiva nicht oder zu wenig helfen. Sie sind eben kein präzises therapeutisches Werkzeug.

Was ist die Alternative zur Behandlung mit Antidepressiva?

Bschor: In jedem Fall ganz wichtig sind Verhaltensregeln und die therapeutische Begleitung.
Da geht es erst einmal gar nicht um Psychotherapie - bei der mangelt es ohnehin an Verfügbarkeit, gerade bei akuten Fällen dauert die Vermittlung viel zu lange. Wichtig ist eine Aufklärung des Patienten durch den Hausarzt, die allein hat schon eine heilende Wirkung. Antidepressiva können dann dazu kommen, aber nie als einziges therapeutisches Mittel. Auch wenn das in der Praxis leider oft so ist.

Wie sehen diese festen Verhaltensregeln genau aus?

Bschor: Wichtig ist, den Tag klar zu strukturieren.
Man steht morgens auf, wenn es hell wird, man bleibt nicht im Pyjama, man plant ein paar machbare Erledigungen ein, dazu Bewegung,
und man nimmt sich auch Zeit für ein oder zwei schöne Dinge, Freunde zu treffen etwa - auch wenn dies depressionsbedingt schwerfällt.
Das sind alles Sachen, die gesunde Menschen ohnehin tun, aber depressive Menschen müssen das gezielt planen.
Es verschlimmert die Depression immer weiter, sich komplett zurückzuziehen und zu Hause im dunklen Zimmer zu hocken.
Tagsüber sollte auch nicht auf der Couch gelegen werden, egal wie schlecht die Nacht war,
und die Nacht wiederum sollte nicht zu Alltagsaktivitäten dienen.

Gilt dies auch für den Burnout, das ist ja auch eine Form der Depression?

Bschor: Gerade beim Burnout ist das wichtig, und viele machen es nicht, ziehen sich von allem zurück.
Die sind dann vielleicht krankgeschrieben und trauen sich nicht, in den Park zu gehen.   

An welcher Stelle kommt dann noch die Psychotherapie ins Spiel? 
Bschor: Wichtig ist die vor allem bei bestimmten Arten der Depression.
Die chronifizierte Depression kann eine davon sein, die klassische phasische Depression nicht grundsätzlich
- wenn da die nächste depressive Phase kommt, ist die Therapie entweder zu früh oder zu spät.
 Basiert die Depression auf langfristigen psychischen Störungen, ist eine langfristige Psychotherapie meistens ebenfalls sinnvoll.

Wenn ich jetzt aber doch Antidepressiva nehme - was ist dabei besonders wichtig?

Wichtig ist vor allem, an den drei, vier Tagen vor der ersten Einnahme genau aufzuschreiben, wie ich mich fühle.
Dann beginne ich mit der Einnahme, und drei bis vier Wochen später schaut man zurück: Hat es sich gebessert oder nicht?
Nur bei einer klar benennbaren Besserung sollte das Antidepressivum so weitergenommen werden. 

Und wenn ich die schon nehme und den Eindruck habe, dass sie nicht oder nicht mehr wirken?

Bschor: Das ist vermutlich der häufigere Fall, dass man die schon nimmt und die Wirkung nie anständig überprüft wurde.
Wenn es dem Patienten letztlich nicht wirklich gut geht, sollte man sie vielleicht tatsächlich wieder ausschleichen.

Ist das eine Entscheidung, die ich als Betroffener alleine treffen kann?
Bschor: Nein, natürlich immer in Absprache mit dem Arzt. Oft müssen aber die Patienten diesen Vorschlag machen, das ist leider so.
Und häufig ist auch der Wechsel zu einem anderen Antidepressivum dann keine Alternative - denn so unterschiedlich sind die am Ende nicht.
Wer auf die ersten 3 oder 4 nicht positiv reagiert, wird vermutlich auch mit den anderen 25 Wirkstoffen kein Glück haben.

Wenn sie nicht helfen, es aber das Risiko von Entzugserscheinungen gibt - kann ich sie dann nicht auch einfach weiternehmen, zur Sicherheit?
Bschor: Das würde ich nicht tun. Denn es gibt ja schon Nebenwirkungen.
Einige Antidepressiva erhöhen zum Beispiel die Blutungsneigung.
Wenn sie ansonsten funktionieren, ist das ein abwägbares Risiko - sonst aber eher nicht.
Und grundsätzlich bedeuten Antidepressiva einfach einen Eingriff in den Stoffwechsel des Gehirns.
Ohne therapeutische Wirkung ist das meiner Meinung nach nicht zu verantworten. 

Buchtipp:
Tom Bschor: Antidepressiva

Wie man sie richtig anwendet und wer sie nicht nehmen sollte
Südwest Verlag, 224 Seiten, 20 €, ISBN-13: 978-3517097367

Fundquelle: Auszug – „VOLKSSTIMME“  Januar 2019

« Letzte Änderung: 11. April 2019, 08:06:17 von RalleGA »
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