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Titel: Polymikrogyrie
Beitrag von: busymouse am 07. Dezember 2008, 12:31:36
Polymikrogyrie (PMG)

Bei der Polymikrogyrie (von: poly = viele, mikro = kleine, gyri = „Runde“, „Biegung", „Rand“ hier: Gehirnwindungen) handelt es sich um eine Gehirnfehlbildung. Es ist eine beschreibende Bezeichnung, die nicht die Ursache oder die Krankheit an sich kennzeichnet. Merkmale einer Polymikrogyrie sind massenhafte Auffaltungen der Hirnwindungen mit flacheren und geringer ausgeprägten Furchungen dazwischen.

Auch die Schichtung der Hirnrinde unterscheidet sich von der des „normalen“ Gehirns. In den meisten Fällen zeigt eine mikroskopische Untersuchung eine vereinfachte kortikale Zellarchitektur, die entweder aus 4 Schichten besteht oder überhaupt keine Schichtung beinhaltet. Beide Formen können in der selben Person parallel vorkommen. Sind 4 Schichten vorhanden, entsprechen sie nicht den Schichten der Hirnrinde des gesunden Menschen (6 Schichten). Der Zellaufbau unterscheidet sich inhaltlich grundlegend.

Es können unterschiedliche Hirnareale betroffen sein. Die häufigste Form ist die beidseitig symmetrische peri-sylvische PMG (BPP), wobei „peri-sylvisch“ das Hirnareal rund um den Sulcus laterale beschreibt, der den Temporallappen von Frontal- und Parietallappen trennt.[1] (Hirnareale siehe Anhang) Ebenfalls häufige Formen sind die beidseitige frontale (BFPP) und die beidseitige meso-occipitale PMG. Andere bekannte Formen sind die beidseitige diffuse PMG, die beidseitige parieto-occipitale PMG, die beidseitige parasagittal parietooccipitale PMG sowie die einseitige peri-sylvische PMG und die multilobare (viele Hirnlappen betreffende) PMG.[2]

Häufig kommt es im Zusammenhang auch zu anderen Fehlbildungen des Gehirns, wie beispielsweise noduläre Heterotopien (heterotope Neuronengruppen in der weissen Substanz durch Migrationsstörungen der Neuroblasten), Störungen der Myelinisierung der weissen Substanz, erweiterte laterale Ventrikel, Agenesie (Fehlen) des Corpus callosum sowie zu unzureichender Ausbildung (Hypoplasie) des Kleinhirns (Cerebellum).[1][2]

Zu Gehirnfehlbildungen im Allgemeinen kommt es bei ca. 1/2.500 Neugeborenen. Der Anteil, den die verschiedenen PMG-Formen daran haben, ist unbekannt.[1]

Symptome

Bei vielen Kindern mit PMG kommt es zu Entwicklungsstörungen oder –verzögerungen sowie Krampfanfällen. Schwierigkeiten beim Füttern, Atembeschwerden, motorische Funktionsstörungen und geistige Retardierung sind relativ häufig. Dabei ergibt sich kein einheitliches Bild. Der Schweregrad der PMG hängt in hohem Maße vom betroffenen Hirnareal und der Größe des betroffenen Areals ab. Jedes PMG-Kind ist in seiner Symptomatik einzigartig.[2]

Das klinische Spektrum reicht vom Neugeborenen mit schweren Enzephalopathien bis hin zum normalen Erwachsenen, der – bedingt durch eine begrenzte PMG - sehr spezifische kognitive Defekte aufweisen. Bei Letzteren kann oftmals erst nach dem Tod mittels einer pathologischen Gehirnuntersuchung die PMG nachgewiesen werden. Im Fall von BPP, der peri-sylvischen PMG-Variante, zeigen die Patienten Rede-und Artikulationsprobleme.

Geistige Retardierung tritt in der Regel – aber nicht in jedem Fall - zusammen mit den Krampfanfällen auf, die oft im Alter von 4 bis 12 Jahren beginnen. Nur selten handelt es sich dabei um partielle Anfälle.[1] Typische PMG-Patienten leiden zu 50 % unter epileptischen Anfällen. Bei der erblichen Form der peri-sylvischen PMG kommt es in ca. 85% aller Fälle zur geistigen Retardierung.[3]

Ursachen

Eine Reihe von Beobachtungen führen zu der Annahme, dass PMG durch Ereignisse zwischen der 12. und der 24. Schwangerschaftswoche entsteht. [1] Dabei kann PMG sowohl genetisch bedingt sein als auch nicht-genetische Ursachen haben:


Die meisten Fälle sind sporadisch. Bei den familiären Formen scheinen alle bekannten Erbgänge vorzukommen. Zwei Genorte für PMG konnten mittlerweile lokalisiert werden. So konnte die beidseitige peri-sylvische Variante mit der Chromosomenregion Xq28 und die beidseitige frontoparietale Variante mit dem Chromosom 16 in Zusammenhang gebracht werden. Das Chromosom 16-Gen kodiert für einen seltenen G-Protein-gekoppelten Rezeptor namens GPR56 (G-Rotein-gekoppelter Rezeptor 56). Wie eine Fehlfunktion von GPR56 letztlich zur Polymikrogyrie führen kann, ist allerdings noch nicht bekannt. Auch eine Reihe von Patienten mit Deletionssyndromen sind mitunter von PMG betroffen.[1]

Studien am Tier-Modell zeigen, dass die abnormen kortikale Gebiete eine verringerte Sensibilität der Gamma-Aminobuttersäure A (GABA-A)-Rezeptoren aufweisen. Andere Studien zeigen eine zunehmende Zahl von postsynaptischer Glutamat-Rezeptoren.[1] Die Zusammenhänge sich weitestgehendst noch nicht geklärt.

Diagnostik

PMG kann mittels Computertomographie (CT) oder MRT nachgewiesen werden, wobei das letztgenannte Verfahren aussagekräftiger ist. Wurde bei einem Kind eine GPR56-Mutation nachgewiesen,  kann für nachfolgende Schwangerschaften eine pränatale Diagnostik empfohlen werden.[1]

Mögliche Differentialdiagnosen

Zellweger Syndrom – Patienten mit dem Zellweger-Syndrom können ebenfalls eine PMG haben, zeigen aber ein zusätzliches klinisches Bild, das für eine isoliert auftretende PMG untypisch sind. Das Zellweger-Syndrom kann mittels eines biochemischen Tests ausgeschlossen werden.

Muskeldystrophie Typ Fukuyama (FCMD) - Die Patienten zeigen zusätzlich eine Muskeldystrophie, die bei reinen PMG-Patienten nicht beobachtet werden kann.[1]

Therapie

Eine kurative Therapie gibt es bislang nicht. Die Krampfanfälle können symptomatisch mit Anti-Epileptika behandelt werden.

Einzelnachweise und Weblinks

[1]Orpha-Net: Polymikrogyrie (http://www.orpha.net/data/patho/GB/uk-PMG.pdf)
[2]Lissencephaly-Forum: What is Polymicrogyria? (http://www.lissencephaly.org.uk/aboutliss/pmg.htm)
[3]About Polymicrogyria (http://homepage.ntlworld.com/foliot/lissconf/kim.htm)
[4]PubMed (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/sites/entrez?Db=pubmed&Cmd=DetailsSearch&Term=polymicrogyria)
[5]medworm (http://www.medworm.com/rss/search.php?qu=Polymicrogyria&s=Search&r=Any&news=on&consumer=on&journals=on&organizations=on&info=on)
Titel: Re: Polymikrogyrie (wird noch ergänzt)
Beitrag von: Poly7 am 07. Dezember 2008, 13:44:54
Super - danke Birgit! :)