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Autor Thema: NUR Darmkrebs in der Familie  (Gelesen 5421 mal)

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Offline busymouse

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NUR Darmkrebs in der Familie
« am: 08. Juli 2008, 13:16:46 »
Familiärer Darmkrebs - Typ X
Amsterdam-I-Kriterien erfüllt, aber kein HNPCC?

Es gibt Hinweise (noch nicht ausreichend belegt!), dass Familien, in denen ausschließlich Darmkrebs vorkommt und bei denen kein >>> MMR-Gen-Defekt nachgewiesen werden kann, evtl. nicht dem HNPCC zuzurechnen sind. Damit einhergehend hat man Hinweise gefunden, dass das Krebsrisiko in diesen Familien bei Weitem nicht so groß ist, wie bei HNPCC-Familien.
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In neueren Studien zeichnet sich ab, dass das Erfüllen der Amsterdam-I-Kriterien nicht zwangsläufig auch bedeutet, dass ein MMR-Gen-Defekt, also HNPCC, vorliegen muss. Lindor et al. prägten 2005 für diese Form des erblichen Darmkrebs den Begriff „Familiärer Darmkrebs – Typ X“.

Sie zogen insgesamt 3422 Personen aus 161 Familien zur Untersuchung heran, die allesamt die Amsterdam-I-Kriterien erfüllten. Die Familien stammten aus dem Patientensegment mehrerer Kliniken in Nordamerika und Deutschland. Lindor et al. teilten die Personen in zwei Gruppen ein. Gruppe A umfasste die Familien, in denen ein MMR-Gen-Defekt nachgewiesen werden konnte, Gruppe B enthielt die Familien, in denen der Defekt nicht nachgewiesen werden konnte.

Gruppe A zeigte ein erhöhtes Auftreten aller mit HNPCC assoziierten Krebserkrankungen, während in Gruppe B fast ausschließlich Kolorektale Karzinome (= Darmkrebs), aber keine anderen Krebserkrankungen auftraten. Auch die Häufigkeit des Auftretenswahrscheinlichkeit für Darmkrebs war in Gruppe A höher als in Gruppe B.

Lindor et al. haben sich dafür ausgesprochen, Menschen mit dem „Familiären Darmkrebs – Typ X“ aus dem Behandlungs- und Beratungsrahmen der HNPCC-Patienten auszuschließen, da die Familien dieser Patienten ein weitaus geringeres Krebsrisiko aufweisen als die aus den Familien mit MMR-Defekt und eben insbesondere auch kein besonderes Risiko aufweisen, andere Krebserkrankungen als den Darmkrebs zu bekommen.

>>> Lower cancer incidence in Amsterdam-I criteria families without mismatch repair deficiency: familial colorectal cancer type X
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Auch Woods et al. kommen im gleichen Jahr bei ihren Untersuchungen an 78 Darmkrebs-Patienten aus klinischen Behandlungen und 31 HNPCC-Familien aus dem Provincial Medical Genetics Program zu ähnlichen Ergebnissen. Sie ziehen das Fazit, dass es für die Häufung der Kolorektalen Karzinome in Familien ohne MMR-Gen-Defekt andere, noch nicht bekannte ursächliche Gene geben muss.

>>> High frequency of hereditary colorectal cancer in Newfoundland likely involves novel susceptibility genes.
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Mueller-Koch et al. verglichen – ebenfalls in 2005 – 25 Familien mit nachgewiesenen Mutationen in MLH1 oder MSH2 (Gruppe 1) mit 16 Familien, die zwar die Amsterdam-Kriterien erfüllten, aber ohne Nachweis eines MMR-Gen-Defektes waren und deren Tumoren auch kein MSI-high-Ergebnis gezeigt hatten (Gruppe 2).

Als bedeutendste klinische Unterschiede zwischen beiden Gruppe beschreiben sie Folgendes:

  • Sowohl die kolorektalen Karzinome als auch andere mit HNPCC assoziierte Krebserkrankungen traten in der Gruppe 1 früher auf.
  • 68% der kolorektalen Karzinome fanden sich in Gruppe 1 im proximalen Kolon. In der Gruppe 2 entwickelten sich dort nur 14% der Tumoren.
  • >>> Synchrones und metachrones Auftreten von kolorektalen und anderen HNPCC-assoziierten Krebserkrankungen fanden sich in Gruppe 1 sehr viel häufiger.
  • Das Adenom-Karzinom-Verhältnis war in der ersten Gruppe deutlich erhöht, wohingegen sich in Gruppe 2 eine Tendenz zu vermehrtem synchronen und metachronen Auftreten von Adenomen abzeichnete, was auf ein deutlich langsameres Wachstum und eine längere Dauer bis zur Entartung in Gruppe 2 hinweist.

Auch Mueller-Koch et al. kommen vor diesem Hintergrund zu dem Schluss, dass sich unter dem Dach der HNPCC-Diagnosen derzeit zwei klinisch und molekulargenetisch völlig verschiedene Patienten-Gruppen befinden. Auch hier wird deshalb angeraten, dass engmaschige Beratungs- und Untersuchungsprogramm für die Patientengruppe ohne MMR-Gen-Defekt zu überdenken.

>>> Hereditary non-polyposis colorectal cancer: clinical and molecular evidence for a new entity of hereditary colorectal cancer.
« Letzte Änderung: 29. Januar 2009, 21:01:39 von busymouse »
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(Epiktet, griech. Philosoph, 50-138)