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Autor Thema: Geriatrie ist Teamsache – Selbstständigkeit im Alltag erhalten  (Gelesen 703 mal)

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Offline RalleGA

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Geriatrie ist Teamsache 

Selbstständigkeit im Alltag erhalten


Seit dem Jahr 2007 gibt es das Geriatrische Zentrum im Krankenhaus Gardelegen/Altmark in Sachsen-Anhalt.
Aktuell werden dort jedes Jahr rund 500 Patienten betreut und behandelt.

Was ist das Besondere an einem Geriatrischen Zentrum? 
Zu uns kommen Patienten mit einem durchschnittlichen Alter von 83 Jahren, die einer akut geriatrischen Komplexbehandlung bedürfen.
Das bedeutet, dass sie in der Regel 14 Tage stationär akut behandelt werden.
Die Patienten sind häufig mit Mehrfacherkrankungen auffällig.
Zusätzlich haben sie eine akute behandlungsbedürftige Erkrankung.

Welches sind die häufigsten, behandlungsbedürftigen Erkrankungen?

Das sind Frakturen insbesondere des Oberschenkels, Herzschwäche, Hirninfarkte, also Schlaganfälle, Lungenentzündungen.
Trakturen der Lendenwirbelsäule, des Beckens, der oberen Extremitäten und Hüftgelenksarthrosen.
Hinzu kommen eine große Zahl von Begleiterkrankungen. Daher haben die Patienten häufig viele Medikamente.

Welches Ziel hat die Behandlung?
Es geht immer um den Erhalt oder die Wiederherstellung von Selbstständigkeit im alltäglichen Leben.
Darum, die Möglichkeit der Selbstversorgung wieder herzustellen oder aufrecht zu erhalten, um vielleicht den Umzug in ein Heim zu verhindern.
Oder auch darum, den Patienten soweit zur Genesung zu verhelfen, dass er eine Reha-maßnahme beginnen kann.
Es ist erstaunlich, wie häufig die Behandlung tatsächlich von Erfolg gekrönt ist und die Patienten wieder selbstständiger werden.

Was ist der Unterschied zu einer, sagen wir mal, "normalen" Krankenhausbehandlung?

Ziel ist immer, eine fallabschließende Behandlung während des Zeitraums des Aufenthalts.
Alle hier arbeiten im Team und die Pflege unterscheidet sich grundlegend von der Pflege auf anderen Stationen.
Hier erfolgt eine aktivierende Pflege.
Die Pflegekräfte gucken, was kann der Patient selbstständig und wo muss geholfen werden und leiten ihn an.
Aber nicht so, dass die Pfleger das Waschen übernehmen.
Sie geben eine Anregung, dass der Patient etwas erlernt, wieder mitmacht und selbstständig wird.
Hinzu kommen psychologische Betreuung, Ergotherapie und Physiotherapie.
Alle Maßnahmen für jeden einzelnen Patienten werden dann einmal wöchentlich im Team und mit Vertretern des Sozialdienstes und der Geriatriekoordinatorin besprochen. Da schauen wir, wie die Behandlung verläuft und welche Maßnahmen notwendig sind.

Sind die Patienten häufiger männlich oder weiblich?

Wir haben einen Anteil von 66% Frauen und 34% Männer. Die Frauen werden älter als die Männer,
das spiegelt sich auch in den Belegungsanteilen wieder.
Die Zahlen sind deutschlandweit durchweg ähnlich.

Warum sterben die Männer früher?

Zum einen, denke ich, gehen sie sorgloser mit ihrer Gesundheit um.
Das sieht man auch bei den Aktionstagen wie Diabetes- oder Herz Tag. 70% der Besucher sind Frauen und 30% Männer.
Die Männer sind eher zurückhaltend, wenn es um Arztbesuche geht Auch die Möglichkeit der Vorsorge wird von Männern seltener in Anspruch genommen. Und oben drauf die vielen Medikamente für jede einzelne Erkrankung. Genau. Die Patienten sind oft überversorgt.

Als Geriater sagen wir, mehr als fünf Medikamente sind kontraproduktiv, weil es zu Interaktionen kommen kann.
Insofern schauen wir, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, einige Medikamente abzusetzen und eine Priorisierung der Erkrankungen vorzunehmen. Es gilt zu entscheiden, welche der vielen Erkrankungen prognosebestimmend ist.

Also wird der Patient ganzheitlicher gesehen?
Ja, genau so ist das. Hier ist Teamarbeit gefordert und ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit, um den Patienten in all seinen Facetten beurteilen zu können. Sie müssen ein Stück weit mehr zuhören und Zeit mit Patientengesprächen verbringen.
Ja, allein die Visiten sind zeitlich schon sehr ausgeprägt.

Diese Zuwendung ist bestimmt auch etwas, was man im Geriatrischen Zentrum besser leisten kann.
Die Patienten merken, bei allen, die hier arbeiten, dass die Kontaktaufnahme doch intensiver ist.
Scheinbar Banales wie zuhören, wenn z.B. über die Familie erzählt wird, ist extrem wichtig.

Stimmt es, dass manchem mit Zuwendung mehr geholfen ist als mit einer Tablette?
Ja, manchmal ist das tatsächlich so.

www.altmark-klinikum.de

Fundquelle: Auszug – „ALTMARK-WOCHE“  Juli 2021
« Letzte Änderung: 19. September 2021, 18:03:21 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.