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Autor Thema: NIEDERLANDE - Sterbehilfe  (Gelesen 1811 mal)

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Offline RalleGA

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NIEDERLANDE - Sterbehilfe
« am: 24. April 2020, 11:51:35 »
Niederlande erlauben auch Sterbehilfe bei Demenzkranken

„Das unvollendete Leben“

Es ist eines dieser schwer erträglichen Schicksale, das den höchsten Gerichtshof der Niederlande am 21.04.2020 zu einem wegweisenden Urteil zwang. Künftig darf das Leben eines Patienten auch dann mit aktiver Sterbehilfe beendet werden, wenn dieser an Demenz leidet und deshalb seinen eigenen Willen nicht mehr klar äußern kann.
Voraussetzung ist allerdings eine Patientenverfügung aus der Zeit vorher.

Es geht um den Tod einer 74-jährigen Niederländerin aus DEN HAAG, der 2016 von einer Ärztin des Pflegedienstes ein Medikament verabreicht wurde ein, Medikament verabreicht wurde, um Euthanasie (so die offizielle Bezeichnung in den Niederlanden) zu verüben.

"Ich möchte das gesetzliche Recht ausüben, mich zu Euthanasieren, wenn ich glaube, dass die Zeit reif ist",
hatte die Frau in ihrer Verfügung geschrieben.
Doch dann holte sie eine schwere Altersdemenz ein, die zu widersprüchlichen und verwirrenden Signalen führte.
Es habe Momente gegeben, in denen sie sterben wollte, schilderten die Angehörigen die Situation.
Nur wenige Augenblicke später mochte sie davon nichts mehr wissen.
In dieser dementen Phase erkannte sie schließlich ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr, war ängstlich, traurig und die meiste Zeit unruhig.
Hinzu kamen Ausbrüche, bei denen sie sich selbst verletzte.

Die behandelnde Ärztin nahm Kontakt mit den Angehörigen auf, befragte Pfleger des Heims,
den Hausarzt und zwei weitere Fachmediziner, ehe sie den Tod einleitete.
Sie selbst wurde daraufhin wegen Mordes angeklagt und erst kurz vor dem jetzigen Urteil aus der Haft entlassen.

Es war die Staatsanwaltschaft, die den jetzigen Prozess angestrengt hatte, um den Grundsatz klären zu lassen:
Kann im Fall einer schweren Erkrankung darauf verzichtet werden, den ausdrücklichen und bewussten Willen eines Patienten einzuholen?
Es ist ein wachsendes Problem - nicht nur in den Niederlanden.
Aber das Land hat gemeinsam mit Belgien die liberalsten Sterbehilfe-Reglungen der Welt.

Mit dem Verzicht auf den eigenen Willen, eine der Grundvoraussetzungen für die Genehmigung des Antrags auf Euthanasie, wurde so etwas wie ein Tabubruch begangen, den die liberalen Demokraten von der Partei D66 sich schon im Wahlkampf auf die Fahnen geschrieben hatten.
Sie wollten zunächst nur erreichen, dass "auch alte, aber gesunde Menschen Sterbehilfe beantragen können,
wenn sie ihr Leben als vollendet betrachten", wie D66-Initiatorin Pia Dijkstra begründete.
Es führte zu einer neuen gesellschaftlichen Diskussion um die Frage, nach welchen Kriterien dem Wunsch nach dem eigenen Tod stattgegeben werden soll.

Was ist ein "vollendetes Leben"?
Bei einer Studie der Universität Utrecht stellte sich heraus, dass lediglich 0,18% der Bevölkerung dies von sich sagen würden -
und bei den meisten gab es keineswegs einen permanenten Todeswunsch.
Dennoch hat die Regierung eine Reform, die auf eine weitere Liberalisierung herauslaufen könnte, bis Juni in Aussicht gestellt.
Der Umgang mit Demenzkranken steht auf der Liste der Fragen, die beantwortet werden sollen, an oberster Stelle.

Assistierte Sterbehilfe

In Deutschland
hatte erst kürzlich das Bundesverfassungsgericht durch ein wegweisendes Urteil eine Neuregelung der Sterbehilfe möglich gemacht. Die Richter hatten das Recht des Einzelnen auf ein selbstbestimmte Sterben festgestellt.
Das schließe die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und auf die freiwillige Hilfe Dritter zurück zu greifen.
Allerdings bleibt anders als in den Niederlanden aktive Sterbehilfe - also Tötung auf Verlangen, etwa durch eine Spritze - verboten.
Bei der assistierten Sterbehilfe wird das tödliche Medikament nur zur Verfügung gestellt, der Patient nimmt es selbst ein.     

Fundquelle: Auszug – „ALTMARK-Zeitung“  April 2020
« Letzte Änderung: 24. April 2020, 12:02:15 von RalleGA »
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Offline RalleGA

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Re: NIEDERLANDE - Sterbehilfe
« Antwort #1 am: 26. April 2020, 10:18:05 »
Sterbehilfe Kommentar
Helfen statt Töten


Die Niederlande haben an das Projekt aktive Sterbehilfe geglaubt.
Sie wollten - wie übrigens auch die Belgier - eigentlich nur eine Ausnahmeregelung für jene schaffen, die unheilbar krank sind und manövrierten sich damit in eben jene prekäre Situation hinein, die sie kaum noch beherrschen.
Denn aus der Ausnahme ist in den Köpfen vieler ein Recht geworden, das man beanspruchen kann - nicht nur wegen körperlicher oder seelischer Erkrankungen, sondern auch einfach deshalb, weil man des Lebens überdrüssig ist.
Hinzu kamen schließlich die schwerkranken Kinder, an deren Fähigkeit zu einer bewussten,
eigenständigen Zustimmung zur Euthanasie immer große Zweifel bestanden.

Und nun durchbrechen die Richter ein erstes Mal die hohe Mauer all jener Voraussetzungen, an die eine staatliche Erlaubnis zum Sterben geknüpft ist: Darf man bei Demenzkranken einen früher geäußerten und schriftlich niedergelegten Wunsch nach aktiver Sterbehilfe erfüllen, auch wenn diese Bitte nun nicht mehr selbst geäußert werden kann?

Niemand macht sich diese Diskussion leicht. Die Voraussetzungen, damit die Behörden einem Antrag zustimmen, sind hoch.
Und dennoch wächst in den Niederlanden das ungute Gefühl, in eine Spirale hineingeraten zu sein,
aus der man kaum noch wieder herauskommen kann.
Dazu trägt insbesondere die jetzt beantragte Erweiterung der aktiven Sterbehilfe auf alle jene bei,
die älter als 70, körperlich zwar gesund, aber lebensmüde sind.

Jeder Psychologe würde auch ihnen bescheinigen, dass ihr Verlust an Lebensfreude krankhafte Züge haben muss,
wenn man einen solchen Wunsch äußert.
Aber das hilft letztlich nicht weiter, weil die Mediziner, Ethiker und Angehörigen glauben müssen, was vorgebracht wird.
Es ist eine Krise der Überzeugung, die es noch in den Anfängen der niederländischen Sterbehilfegesetzgebung gab, dass man durch die Mehrzahl der unterschiedlichen Expertisen so etwas wie ein objektives Kriterium finden kann, das die Tötung auf Verlangen überzeugend plausibel macht.

Solche Kriterien gibt es, beispielsweise bei der Vielzahl der wirklich dauerhaften und sicher zum Tod führenden,
extrem qualvollen Erkrankungen.
Aber wie sollen sich Ärzte, Juristen und Berater verhalten, wenn diese Eindeutigkeit nicht erkennbar bleibt?

Aus den Erfahrungen der Niederlande zu lernen, bedeutet, die palliativen Angebote auszubauen und auf Helfen anstatt auf Töten zu setzen.

Fundquelle: Auszug – „ALTMARK-Zeitung“  April 2020
« Letzte Änderung: 26. April 2020, 10:26:26 von RalleGA »
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