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Autor Thema: Wiskott-Aldrich-Syndrom  (Gelesen 4039 mal)

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Wiskott-Aldrich-Syndrom
« am: 22. Oktober 2008, 15:57:24 »
Wiskott-Aldrich-Syndrom

Das Wiskott-Aldrich-Syndrom (WAS) ist ein primärer Immundefekt, der mit Thrombopenie, Ekzem und  Infektionen und der sowohl B- als auch T-Zellen betrifft. Eine klinisch leichtere Form stellt die X-gebundene Thrombopenie (XLT) dar. Die Häufigkeit bei männlichen Lebendgeborenen beträgt etwa 1:100.000 bis 1:250.000.

In den 1960er Jahren lag die mittlere Lebenserwartung von Kindern mit WAS noch bei nur 3,5 Jahren, inzwischen wird ein großer Teil der Patienten älter als 20 Jahre. Häufigste Todesursachen sind Infektionen (44%), Blutungen (23%) und maligne Erkrankungen (26%). In einer kürzlich veröffentlichten retrospektiven monozentrischen Studie an 40 WAS-Patienten (Dupuis-Girod, Medioni, Haddad et al.) lag die mittlere Überlebenszeit bei 14,5 Jahren.[3]

Das Syndrom ist benannt nach dem deutschen Kinderarzt Alfred Wiskott (1898–1978) und dem Amerikaner Robert Anderson Aldrich (1917–1998).[1]

Ursache

Das Wiskott-Aldrich-Syndrom (WAS) ist eine x-chromosomal rezessiv vererbte Erkrankung. Mutationen im so genannten Wiskott-Aldrich-Syndrom-Gen (Abk. WAS-Gen, Genlokus Xp11.23 - p11.22) führen zur Beeinträchtigung der zellulären Signalübertragung. Die Aktinbildung ist eingeschränkt, wodurch die Thrombozytenbildung aus den Megakaryozyten vermindert ist.[1]

Auf Grundlage des Erganges und der eher geringen Lebenserwartung der Patienten sind nur männliche Nachkommen direkt vom WAS betroffen. Frauen können die Krankheit allerdings übertragen.

Symptome

Bereits kurz nach der Geburt treten als Folge der Thrombozytopenie beim Neugeborenen erste punktförmige (petechiale) Blutungen auf, gastrointestinale und intrakranielle Blutungen kommen in späteren Jahren hinzu. Das typische, einer atopischen Dermatitis ähnliche Ekzem entwickelt sich ebenfalls in den ersten Lebenstagen.[1] Es tritt in ca. 80% aller Fälle auf.[2]

Während die T-Zell-Immunität zu Beginn noch normal ist, ist die humorale Immunität bereits im ersten Lebensjahr deutlich vermindert. Die T-Zell-Immunität nimmt in den weiteren Jahren kontinuierlich ab, wodurch die Infektneigung stark ansteigt. Im zweiten Lebensjahr treten erstmals rezidivierende, opportunistische Infektionen wie Lungenentzündungen, Otitiden, Septikämien und Meningitiden auf. Häufige Krankheitserreger sind Pneumokokken, Hämophilus influenzae, Meningokokken und Pneumocystis jirovecii.[1]

Bis zu 72% aller Teilnehmer einer Studiengruppe von 40 Patienten mit klassischem WAS entwickelten innerhalb der ersten 5 Lebensjahre mindestens eine Autoimmunerkrankung [3]: Hämolytische Anämie (36%), Neutropenie (25%), Arthritiden (29%), Vaskulitiden im Bereich der Haut (22%) oder des ZNS (7%), chronisch entzündliche Darmerkrankung (9%) und Glomerulonephritiden (3%).[3]

In einer größeren Studie wurde gezeigt, dass ca. 13% aller WAS-Patienten maligne Tumoren, meist EBV-assoziierte hochmaligne Non-Hodgkin-Lymphome, entwickelten. Das  Durchschnittsalter bei Diagnosestellung lag hierbei bei 9,5 Jahren. Die Prognose ist fast immer schlecht.[3]

Diagnostik

Folgende charakteristische Veränderungen lenken den Verdacht auf ein Wiskott-Aldrich-Syndrom:

  • Die IgM-Antikörper sind erniedrigt, die IgG-Antikörper normal hoch, IgA, IgD und IgE über die Norm erhöht.
  • Im Blutbild findet sich typischerweise eine hochgradige Thrombozytopenie mit kleinen Blutplättchen (niedriges mittleres Thrombozytenvolumen = MPV)
  • Die Impfantikörper sind vermindert.
  • Nach dem sechsten Lebensjahr treten erstmals schwere Lymphopenien auf.

Bei dieser Erkrankung wird das Wiskott-Aldrich-Proteins (WASP) nicht richtig exprimiert. WASP wird für die Organisation Zytoskeletts benötigt. Fehlt das Protein in den hämatopoetischen Stammzellen, sind T- und B-Lymphozyten, Makrophagen, dendritische Zellen, NK-Zellen und Thrombozyten nicht voll funktionsfähig, was zur Diagnosesicherung bestimmt werden kann.[1]

Die Diagnose wird durch eine molekulargenetische Untersuchung mittels Mutationsanalyse gesichert. Eine pränatale Diagnosestellung ist ebenfalls möglich.[1]

Therapie

Kinder mit WAS sollen in immunologisch und hämatologisch erfahrenen pädiatrischen Zentren betreut werden. Bei sehr schwerer Thrombozytopenie kann eine Milzextirpation hilfreich sein. Nur durch eine Knochenmark-Transplantation kann die Krankheit geheilt werden.[4]

Kausale Therapie

Durch eine Stammzelltransplantation kann die Wiederherstellung eines funktionsfähigen Immunsystems erreicht werden. Gentherapeutische Maßnahmen befinden sich in der Entwicklung. Klinische Phase I/II-Studien werden demnächst (2008) in verschiedenen Europäischen Ländern beginnen, in denen die Sicherheit und Wirksamkeit der darin verwendeten lentiviralen Vektoren an WAS-Patienten getestet werden.[1]

Eine erste positive Erwähnung dieser Gentherapie findet sich in diesem Artikel auf >>> aerzteblatt.de

Symptomatische Therapie

Die betroffenen Patienten müssen beim ersten Anzeichen einer Infektion frühzeitig aggressiv antibiotisch therapiert werden. Cotrimoxazol wird zur Pneumocystis-Prophylaxe, Penicillin V zur Pneumokokkenprophylaxe eingesetzt. Die fehlenden Immunglobuline können substituiert werden. Bei schweren Blutungen werden Thrombozytenkonzentrate transfundiert.[1]

ACHTUNG: WAS-Patienten dürfen keine Lebendimpfstoffe verabreicht werden.[2]

Einzelnachweise

[1]Wikipedia/Wiskott-Aldrich-Syndrom (Hauptquelle)
[2]Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin Martinsried
[3]Schuster, Böhler und Klein: Wiskott-Aldrich-Syndrom. Allergologie, Jahrgang 27, Nr. 4/2004, S. 184–188. Bei: www.kinderimmunologie.de
[4]Orphanet

Weblinks

>>> ImmunDefektCentrum der Charité (hier finden sich auch Links zu Selbsthilfegruppen)
>>> Orphanet: Liste von Spezialsprechstunden in Deutschland
« Letzte Änderung: 18. Dezember 2008, 13:52:03 von busymouse »
Nicht die Dinge selbst, sondern nur unsere Vorstellungen über die Dinge machen uns glücklich oder unglücklich.
(Epiktet, griech. Philosoph, 50-138)