Hallo Lisa,
ich war zu alt, um wieder bei den Eltern einzuziehen. Der Unterschied war aber nicht so groß, wie man meinen könnte. Ich war ein volles Jahr krank geschrieben. Als es wieder ging, hatte man in meiner kleinen Firma die Arbeiten neu verteilt und mir wurde gekündigt. Zwei Jahre lang habe ich keinen neuen Job finden können. Das letzte der beiden Jahre war ich auf Hartz4. Meine Sachbearbeiterin war sehr nett. Mit Maßnahmen wie Bewerbungstrainings bringt man aber keinen Menschen wieder in Arbeit, deren Beschäftigung am Schwerbehindertenausweis scheitert. Für das übrige Procedere kann sie persönlich ja nichts.
Ich musste monatlich nachweisen, wie oft und wo ich mich beworben habe. Als ich ein zweimonatiges Praktikum machen wollte, musste ich auch darum kämpfen und habe das nur mit einem Umweg über eine andere Maßnahme hinbekommen. Es sind ja nur noch vier Wochen Praktikum je Jahr "erlaubt"... Hinzu kommt, dass ich als Antragsteller automatisch zum "Oberhaupt der Bedarfsgemeinschaft" wurde. Mein Lebensgefährte und ich hatten vorher immer unser "eigenes" Geld zur Verfügung. Plötzlich wurde alles miteinander aufgerechnet. Sehr unfair, wenn man bedenkt, dass wir im Berufsleben gerne als Einzelpersonen betrachtet werden und beide auf Steuerklasse 1 arbeiten müssen.
Ich hatte das Gefühl, entmündigt zu werden. Jegliche Form der Selbstbestimmung für mein Leben wurde mir abgesprochen und rundherum war nur noch Kontrolle. Es ist ein blödes Gefühl, wenn man unter Vorab-Verdacht steht und sich von vornherein schon für alles rechtfertigen muss. Mit einer Armbinde herumlaufen zu müssen, auf der steht "Arbeitsscheu und Abschaum der Gesellschaft" könnte kaum schlimmer sein.

Seit Anfang letzten Jahres habe ich nun wieder Arbeit und genieße den Zustand in vollen Zügen. Der Kampf der Seltenen geht dennoch nicht an mir vorbei. Momentan läuft gerade eine Klage gegen das Versorgungsamt. Sie wollten mich im GdB runterstufen. Ist doch komisch, dass sie mich genau so weit herunterstufen wollten, dass ich so gerade eben keinerlei Vorteile mehr durch den GdB habe. Ein Nachteilsausgleich, der keine Nachteile ausgleicht....

Musst aber nicht enttäuscht sein, Lisa. Trotz allem geht es uns hier noch richtig gut. Wir dürfen einfach nicht vergessen, dass unser Stand der Versorgung nicht selbstverständlich ist. Wie oft wurde seit meiner OP alleine schon im Stoma-Forum für Leute im Ausland nach überzähligen Versorgungsmaterialien gefragt, weil sie dort keine Krankenversicherung haben und sich den Kram nicht leisten können...

Sicherlich ist hier in D einiges verbesserungswürdig, in vielen anderen Ländern würden wir alle hier aber schon lange auf der Straße leben.
Genieße die Ostersonne

(bei uns scheint sie jedenfalls gerade)

Liebe Grüße Birgit