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Autor Thema: Fasten bis zum TOD  (Gelesen 94 mal)

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Offline RalleGA

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Fasten bis zum TOD
« am: 23. Mai 2018, 10:30:23 »
Fasten bis zum TOD (1) –

Schwerkranke oder Lebensmüde wählen oft den „natürlichen“ Suizid
und verzichten auf Essen und Trinken


Für einige Menschen ist es ein Weg, das Leben ohne Gewaltakt zu beenden, wenn Krankheit und Leiden zu schwer werden:
der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit.
Er beendet das Leben selbstbestimmt, ist aber umstritten.

Am Ende waren die Schmerzen kaum noch zu ertragen.

Ein Leben lang hatte Marlies B. mit einer Stoffwechselerkrankung zu kämpfen.
Anfang des vergangenen Jahres konnte sie kaum noch etwas essen und nur noch wenig bei sich behalten.
Als sie im Mai dann nicht einmal 40 Kilo wog, mündeten lange Überlegungen in den Entschluss zum Sterbefasten:
Die 74-Jährige hörte auf zu essen und zu trinken.

"Sie sagte, sie sei lebenssatt", erinnert sich ihr Bruder Peter Auer an die Zeit im Frühjahr.
"Und meine Schwester war letztlich schon lange eine sterbenskranke Frau", ergänzt der 69-Jährige, der in Hamburg lebt.
Ab dem 9. Mai nahm sie nichts mehr zu sich. Zuvor hatte sie die Situation selbst akribisch vorbereitet:
einen Arzt konsultiert, einen Pflegedienst ausgesucht, ein Palliativzentrum eingeschaltet, um die Versorgung mit schmerzstillenden Morphin-Medikamenten sicherzustellen. Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht - alles lag vor.

Mit dem Sterbefasten befassen sich mehr Menschen als vielfach angenommen. Eine Online-Petition der Schauspielerin Barbara Rütting "Ja zum begleiteten Sterbefasten " unterzeichneten bisher knapp 42.000 Unterstützer.

Und eine in der "Zeitschrift für Palliativmedizin" 2015 veröffentlichte Umfrage des Göttinger Professors und Ethikexperten Alfred Simon und seiner Mitarbeiterin Nina Luisa Hoekstra dokumentierte:
Fast zwei Drittel der Hausärzte und Palliativmediziner, die an der Befragung teilnahmen, hatten in den vorangegangenen fünf Jahren mindestens einen Patienten beim Sterbefasten begleitet.

Damals wurden 714 Fragebögen verschickt, 255 kamen ausgefüllt zurück. Insgesamt fanden der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit und die ärztliche Begleitung große Zustimmung. Die meisten Mediziner befürworteten das Sterbefasten als letzte Möglichkeit für unheilbar und schwer erkrankte Menschen, um ein Schicksal artiges Leiden zu beenden, das unerträglich war, etwa bei Krebs.

Natürlich muss über das Sterbefasten diskutiert werden.


Aber zur Menschenwürde gehört es auch, selbst zu entscheiden, wann ich aufhöre zu essen und zu trinken.

Immer vorausgesetzt, die Entscheidung falle autonom und bei klarem Verstand.

Auer sagt, für seine Schwester sei es kein moralisches Thema gewesen, "sondern vor allem eine Beziehungsfrage".
Deshalb sprach sie ausführlich mit ihm und ihren drei Töchtern.
Die engsten Angehörigen begleiteten sie auch während des Sterbefastens - beispielsweise bei der
immens wichtigen Mundpflege, die gegen Durstgefühl und Infektionen hilft.
Es seien intensive Tage gewesen. "Das schweißt zusammen", denkt Auer zurück.
"Es waren alle da, die ihr nahe standen, und haben sich von ihr verabschiedet. Das war ihr wichtig."
Was die ärztliche Begleitung angeht, sieht der Palliativmediziner Lukas Radbruch kein ethisches Problem.
"Wenn Patienten für sich beschlossen haben, nicht mehr essen und trinken zu wollen, dann sollten wir das als Behandler beachten und respektieren", sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin.
"Ich kann sicher im Gespräch Alternativen anbieten und mich bemühen, mehr über die Hintergründe des Entschlusses zu erfahren.
Aber Ausübung von Druck oder sogar Zwang mit dem Ziel, dass der Patient doch wieder zu essen und trinken anfangt, wäre sicher nicht gerechtfertigt."

Fundquelle: Auszug – „ALTMARK-Zeitung“  Januar 2018
« Letzte Änderung: 23. Mai 2018, 10:35:43 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.

Offline RalleGA

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Re: Fasten bis zum TOD
« Antwort #1 am: 25. Mai 2018, 06:19:17 »
Fasten bis zum TOD (2) –

Schwerkranke oder Lebensmüde wählen oft den „natürlichen“ Suizid
und verzichten auf Essen und Trinken

Unter Ärzten umstritten


Für Radbruch und auch für Simon ist dabei allerdings wichtig, dass sich der Arzt zuvor davon überzeugt,
dass der Sterbewunsch wohlüberlegt ist. Alle wichtigen Informationen sollten bekannt sein,
und die Entscheidung dürfe nicht auf sozialem Druck oder einer psychischen Erkrankung beruhen.

Trotzdem ist das Sterbefasten unter Ärzten umstritten.
Einige sehen darin Hilfe zur Selbsttötung, so etwa der Münchner Mediziner und Medizinethiker Ralf Jox.
Er argumentiert in einem Beitrag für die englische Fachzeitschrift BMC Medicine, ohne ärztliche Hilfe könnten viele Patienten ihren Wunsch zu fasten, bis der Tod eintritt, nicht realisieren.

Radbruch hält dagegen: "Der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit ist ja nicht unbedingt auf pflegerische oder ärztliche Begleitung angewiesen, eine gute Mundpflege können auch die Angehörigen machen."
Wenn aber eine Begleitung durch ein Palliativteam gewünscht werde, könne er das gerne anbieten:
"Genauso wie ich auch jeden Patienten, der lebenserhaltende oder lebensverlängernde Therapien beenden will, begleiten kann."

Der Göttinger Ethikexperte Simon ergänzt, die ärztliche Betreuung beim Sterbefasten beschränke sich auf menschliche Zuwendung und das Lindern von Schmerzen, Atemnot und Mundtrockenheit.
Hilfe beim Sterben also, nicht Hilfe zum Sterben.


Zu dieser Basisversorgung sei jeder Arzt gemäß den Grundsätzen der Bundesärztekammer sogar verpflichtet, meint Simon. Er hat allerdings Verständnis dafür, dass einige Ärzte das anders sehen.
Wer moralische Bedenken gegenüber dem Sterbefasten habe, solle einen Kollegen bitten,
die Begleitung zu übernehmen, rät der Medizinethiker.

Umstritten ist auch, wie das Sterbefasten verläuft - relativ leicht erträglich oder schwer.
Wie schnell der Tod eintritt, hängt am Ende vom individuellen Gesundheitszustand ab und auch davon,
wie radikal auf Flüssigkeit verzichtet wird, also ob die Aufnahme abrupt oder erst nach und nach auf nahezu Null reduziert wird.
Nach einer Untersuchung aus den Niederlanden unter 97 Sterbefastenden starb die Mehrheit (70%) innerhalb von 16 Tagen.

Simon ist überzeugt, dass der Tod durch Sterbefasten nicht qualvoll ist.
Die meisten Augenzeugen würden ihn als überwiegend friedlich beschreiben.
Er komme dem Bild eines natürlich Sterbenden sehr nahe.
Das deckt sich mit dem, was Peter Auer über seine Schwester berichtet.
"Sie war froh, dass sie jetzt sterben durfte. Ich hatte den Eindruck: Sie zerfällt." Nach sieben Tagen war Marlies B. tot.

Fundquelle: Auszug – „ALTMARK-Zeitung“  Januar 2018
« Letzte Änderung: 25. Mai 2018, 06:26:17 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.

Offline RalleGA

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Re: Fasten bis zum TOD
« Antwort #2 am: 28. Mai 2018, 06:27:42 »
Fasten bis zum TOD (3) -

Ein moralisches Dilemma 

Mehr Fragen als Antworten


Ist das "Sterbefasten", also der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit, eine Form des Suizids?
Nein, sagt der Hamburger Medizinrechtler Oliver Tolmein und argumentiert in der "Zeitschrift für Palliativmedizin":
"Es ist keineswegs geboten, einen Menschen, der sich zu Tode hungern will, gegen seinen Willen zu ernähren.
Solange der oder die Betroffene aus freiem Willen handelt und nicht z.B. weil sie magersüchtig ist -
ist der Nichtbehandlungswille zu respektieren und nicht zu brechen."

Die Fachärzte Jürgen Bickhardt und Roland Martin Hanke beschreiben das Sterbefasten in einem Beitrag für das "Deutsche Ärzteblatt" als "ganz eigene Handlungsweise". Sie dürfe weder mit dem Abbruch einer ärztlichen Behandlung noch mit dem Suizid gleichgesetzt werden.
Am Ende stehe ein natürlicher Tod, ohne Einwirkung von außen.
Das sollte ihrer Ansicht nach auch auf dem Totenschein angekreuzt werden.

Als Diagnose könnte dann beispielsweise "akutes Nierenversagen" angegeben werden.
Tolmein warnt aber auch: Die Diskussion um den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit solle nicht missverstanden oder missbraucht werden, um den Suizid als niederschwellig umsetzbaren, gesellschaftlichen Normalfall zu proklamieren.

Die "geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung" ist laut Strafgesetzbuch verboten.
Experten der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin wie ihr Präsident Lukas Radbruch sagen,
dass zumindest die palliativmedizinische Symptomlinderung im Sterbeprozess nicht als Beihilfe zum Suizid zu werten sei.

Doch in der "Zeitschrift für Palliativmedizin" werfen sie auch offene Fragen auf, die einer breiteren Diskussion bedürfen:
Sterbefasten wird in der Regel mit Menschen in Verbindung gebracht, die an einer schweren und nicht heilbaren Krankheit leiden.
Was aber, wenn Patienten in einer nicht sterbenahen Situation die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme ablehnen?

Und was, wenn dieser Wunsch geäußert wird von Personen, die im medizinischen Sinne nicht als krank bezeichnet werden können, sondern Essen und Trinken aus einer bewussten Willensentscheidung bei (weitgehender) physischer und psychischer Gesundheit abgelehnt wird?

Welche Rolle kann und will die Palliativmedizin in solchen Begleitsituationen übernehmen?
Und:
Was ist wirklich bekannt über Hunger -und Durstgefühl, über die Sinnhaftigkeit von stufenweiser Reduktion der Nahrungszufuhr
oder über die Effektivität der Symptomlinderung? 

Fundquelle: Auszug – „ALTMARK-Zeitung“  Januar 2018
« Letzte Änderung: 28. Mai 2018, 06:33:45 von RalleGA »
Wenn ich morgens aufwache und habe keine Schmerzen mehr - dann bin ich tot.